Samstag, 25. August 2012

Krokodile und andere Ungeheuer

In Kärnten geht ein Krokodil um. Es lauert in der Drau bei Sachsenburg Kindern auf und zerbeißt ihre Schuhe. Polizei, Feuerwehr und Reptilienexpertin rücken aus. Tote Hühner werden als Köder ins Wasser gelegt, und der Landeshauptmannstellvertreter, dem das Fischwasser gehört, setzt einen Krisenstab ein.
Alle Zutaten für eine Ernesto Valenti-Geschichte sind schon vorhanden. Wenn aus der Wirklichkeit Literatur werden soll, muss man nur aufpassen, nicht zu sehr an der Realität zu kleben. – Die glaubt einem außerhalb Kärntens nämlich niemand.
Krokodile, die Sommerlöcher füllen, gibt es öfter, als man denkt. Sie teilen sich diese beschwerliche Aufgabe mit dem Ungeheuer von Loch Ness, Ufo-Sicht-
ungen und Hitzerekorden. Das Krokodil im Badeteich ist eine beliebte moderne Legende. Das heißt nicht, dass da nichts dran ist, aber manchmal ist so ein Krokodil auch nur ein vorwitziger Hecht oder eine angriffslustige Ratte.
Ein Klassiker unter den modernen Legenden ist das Krokodil in der Kanalisation von New York. Schon seit mindestens 1935 soll es eine stetig wachsende Population von Krokodilen im New Yorker Untergrund geben. Ausgelöst wurde diese Geschichte durch den Fund eines etwa 2,5 Meter langen Krokodils in einem Einstiegsschacht in East Harlem. Das Krokodil soll von einem Schiff gefallen sein, das gerade aus dem Everglades kam.
Heute wird erzählt, dass es in den Kanälen von New York von Krokodilen nur so wimmelt. Hinter jeder Ecke lauert ein Albinokrokodil. Blind und wütend verspeisen sie vorzugsweise Kanalarbeiter und Ratten. Die Ratten werden in New York auch besonders groß, hört man. So zwischen Dackel und Dobermann, je nachdem, wen man fragt.
Die Krokodile und Ratten im Untergrund von New York leben aber nicht einfach nur so vor sich hin. Sie erfüllen auch eine wichtige gesundheitspolitische Maßnahme. Es heißt nämlich, da unten in der Dunkelheit wächst das beste Marihuana weit und breit. Diese Cannabisart soll aus Samen entstanden sein, die Kiffer aus Panik das Klo hinunterspülten. Das Marihuana vermehrte sich in der Kanalisation und wuchs und wuchs und veränderte sich. In der Dunkelheit verlor es seine Farbe – wie die Krokodile auch – und deshalb nennt man es „New York White“.
Freilich handelt es sich dabei nur um ein Gerücht. Denn noch niemand hat dieses Kraut gesehen, geschweige denn davon probiert. Es gibt einfach zu viele Krokodile in der Kanalisation von New York.


Mittwoch, 22. August 2012

Ein Lindwurm geht um

Man weiß nicht so genau, woher der Lindwurm kam. Manche sagen, er hauste in einem unterirdischen See im Inneren der Koralpe. Andere wieder sind der Meinung, er käme irgendwo aus dem Süden, und neueste Spekulationen behaupten, der Lindwurm sei aus dem Norden eingewandert und hätte sich in Kärnten vermehrt.
Sieht man sich die Verwüstungen an, so kann man dieser letzten Meinung einiges abgewinnen. Ein einzelner Lindwurm könnte so etwas gar nicht anrichten.
Jedenfalls hat dieser Lindwurm oder einer aus seiner Brut gerade erst wieder zugeschlagen. Ein riesiger Felsen stürzte aus der Mittelwand der Koschuta und letztes Jahr machten sich 30 000 Kubikmeter Gestein am Loibl selbstständig.
Nun, Lindwürmer sind ungeschickt. Wenn sie mit ihren Klauen an Bergwänden streifen oder sich plump auf Bergspitzen setzen, dann rumpelt und rumort es und tonnenweise Steine donnern zu Tal. So hat ein Lindwurm vor vielen, vielen Jahren am Loibl eine Steinlawine losgetreten und Tržič unter sich begraben. Auch auf Kärntner Seite gab es eine Steinlawine, die bis Ferlach reichte. Fast gleichzeitig muss ein zweiter Drache auf dem Dobratsch gelandet sein. Das muss ein besonders großer Drache gewesen sein, denn durch seine Ungeschicklichkeit lösten sich 150 Millionen Kubikmeter Gestein vom Dobratsch. 150 Millionen Kubikmeter, das kann man sich kaum vorstellen. Aber für einen Drachen ist das gar nichts.
In letzter Zeit haben sie sich was Bergstürze anbelangt etwas zurückgehalten. Sie haben sich vermutlich ein anderes Betätigungsfeld gesucht. Jetzt sieht man sie nicht mehr mit ausgebreiteten Schwingen, wie Düsenflieger über den Kärntner Himmel fegen. Ganz selten stehen sie einem so im Licht, dass man glaubt, die Sonne sei vom Himmel gefallen. Aber wie die alten Lindwürmer der germanischen Sage, wie Fafnir, dem von Siegfried der Garaus gemacht wurde, scheinen sie sich in Menschen verwandeln zu können. Das ist schlimm, denn so können sich die Lindwürmer tarnen und müssen sich nicht mehr mit Felsstürzen und Erdbeben zufrieden geben. Jetzt können sie ganz ungeniert noch größere Verwüstungen anrichten. Und so trampeln die Lindwürmer nun durch Kärnten und zerstören nicht nur Bergspitzen und Dörfer, beinahe das ganze Land ist ihnen schon zum Opfer gefallen. Aber Rettung naht. In Klagenfurt haben schon mehrere Menschen beobachtet, wie sich Herkules auf seinem Podest reckt und streckt. Es könnte leicht sein, dass er bald heruntersteigt und sich statt des steinernen Lindwurms ein paar echte Lindwürmer vornimmt.



Dienstag, 21. August 2012

„Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.“


Hermann Hesse war ein Sturschädel. Die Häme, die auch 50 Jahre nach seinem Tod über ihm ausgegossen wird, resultiert zu einem bedeutendem Maß daraus, dass man den Ansprüchen Hermann Hesses nicht gerecht werden kann. Früher sah man zu Menschen wie ihm auf, heute versucht man, sie zu sich herunterzuziehen. Man ist zu einer so unbequemen und kompromisslosen Haltung nicht bereit. Deshalb mutmaßt man, Hesse sei zwar in seinen Schriften ein Morgenlandfahrer, ein Rebell der Innerlichkeit gewesen, aber in seinem Leben hätte auch er diese Position nicht durchgehalten.
Wer das glaubt, täuscht sich. Schon mit 13 wusste Hesse, er wollte Dichter werden, und wenn das nicht, dann wollte er gar nichts werden. Der Dreizehnjährige hatte vielleicht eine noch eher vage Vorstellung vom Dichtertum, aber er hatte eine Ahnung, wie man Dichter wird, welchen Weg man einschlagen muss und dass dieses Unterfangen nicht leicht sein wird. Einsamkeit, Selbstbeobachtung und Zweifel, unablässiges Lernen und Forschen, so fing Hesse seine Lehrzeit als Dichter an. Das Forschen bezog sich dabei eben nicht nur auf andere und blieb nicht wie bei Wissenschaftlern etwas Abgetrenntes, sondern jede Erkenntnis, jedes Erlebnis betraf Hesse selbst.
Es ist kein Wunder, dass er aus dem Internat in Maulbronn nach sieben Monaten flüchtet. Er rennt in den Wald, wird aufgegriffen und landet in der Irrenanstalt Stetten. Zuvor hatte er sich noch einen Revolver besorgt. Er wollte sich erschießen.
Das ist der Stoff, aus dem „Unterm Rad“ geschmiedet ist. Die Qualen des freien Menschen, der sich nicht beugen will, sind hier so exemplarisch verdichtet wie sonst kaum. Außerdem begründet Hesse damit ein Romangenre, das in „Der Schüler Gerber hat absolviert“ und Friedrich Torberg und „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger weitere Höhepunkte findet.
Ein Merkmal des Dichtertums ist es auch, aus dieser Hölle verletzt aber lebend hervorzugehen. Das ist auch eine Eigenschaft des Schamanen. Der Schamane kann jene Krankheiten heilen, die er selbst überwunden hat. Wie der Schamane kann auch Hermann Hesse den Weg zur Erkundung der Innenwelt weisen. Karen Armstrong, die bedeutende Religionswissenschaftlerin, hat wohl an Dichter wie Hesse gedacht, als sie in „Eine kurze Geschichte des Mythos“ meint, wenn die religiösen Führer und Institutionen versagen, dann müssen Schriftsteller und Künstler an ihre Stelle treten und der Gesellschaft spirituelle Wege aufzeigen. Hesse tat das in vielen Belangen. Nicht nur in seinen Büchern. Und Hesse lebte vor, dass Veränderung und Revolution nichts für Maulhelden ist. Er stellte sich gegen den ersten Weltkrieg und verlor die deutsche Staatsbürgerschaft, wurde als Vaterlandsverräter geschmäht, und seine Bücher landeten unter den Nazis am Scheiterhaufen. Hesse treibt aber auch vielen selbsternannten Ökofreaks die Schamröte ins Gesicht, denn er praktizierte, wovon andere nur reden, und pflanzte in seinem Garten an, was er zum Leben brauchte.
In seinem Protest war und blieb er Einzelgänger. Seine Idee der Morgenlandfahrer illustriert diese Haltung. Manchmal geht man ein Stück des Weges miteinander, aber man verbrüdert sich nicht, man gibt nicht seine Meinung auf, um in einer Partie zu sein. Der Mensch muss ein Störenfried sein, und wenn zwei derselben Meinung sind, dann irrt mindestens einer. Deshalb schloss sich Hesse auch keiner Protestbewegung an. Er wurde von ihnen gefeiert, aber er hätte sich weder der Friedensbewegung noch einer aktuellen Gruppierung angeschlossen.
Hesse als Heiliger? Aber nein. Seine erste Ehe scheitert, seine zweite genauso. Erst die dritte Ehe mit Ninon hielt, weil die beiden in einem Doppelhaus lebten und einander treffen aber auch aus dem Weg gehen konnten.
Er kann mit anderen Menschen nicht viel anfangen und sein Eigensinn und seine Zerrissenheit machen ihn zu einem schwierigen Partner. Auf Siddharta folgt der Steppenwolf und das Glasperlenspiel, und die Analyse bei Professor C.G. Jung hat Hesse nicht beruhigt. Die Innenschau macht aus ihm keinen abgeklärten Heiligen, sondern einen hellsichtigen Sucher. Hesses Literatur hat nichts Süßliches. Die Romantik legt sich nur wie ein feiner Schleier über die Klüfte menschlicher Existenz. Hesse wird noch vielen Generationen Orientierung und Hilfe sein. Er ist einer der ersten, von denen Karen Armstrong spricht. Der Schriftsteller als Schamane, als spiritueller Held und Abenteurer, und damit erklimmt die Kultur eine neue Stufe. Was einst verbunden war und dann getrennt wurde, vereint sich wieder. Kunst und Spiritualität nähern sich, und dabei sehen wir, dass Spiritualität eine tiefgreifende Revolte darstellt, ein radikales Aufbegehren: „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.“


Montag, 13. August 2012

Das Schlangenkreuz und die geizige Bäuerin

„Die Gier is a Hund“, pflegte Dr. Kurt Ostbahn zu sagen, als er noch in Amt und Würden war. Das würde er vermutlich auch angesichts der folgenden Geschichte sagen, und das obwohl darin zwar die Gier, aber kein Hund vorkommt.
In St. Georgen im Lavanttal lebte eine Bäuerin, die so gar nichts von Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft hielt. Klopfte ein Bettler an ihre Tür, jagte sie ihn mit dem Besen davon. Nicht einmal eine Brotrinde hatte sie für einen Verhungernden übrig. Selbst in der Kirche gab sie keine Almosen. Wenn der Mesner ihr den Klingelbeutel unter die Nase hielt, drehte sie den Kopf weg. Viele hielten das für Hochmut. Aber in Wahrheit drehte die Bäuerin den Kopf und verkrampfte die Hände im Schoß, weil sie in den Klingelbeutel greifen und das Geld einstecken wollte.
Das gesparte Geld verbrauchte die Bäuerin nicht einfach. Sie legte es in eine Truhe, und schon nach ein paar Jahren quoll die Truhe über. Silberstücke, Goldmünzen und Kupferpfennige glitzerten und gleißten, sobald die Bäuerin den Deckel hochhob.
Eines Tages nahm sie ihren Mann an der Hand und führte ihn zur Truhe. Voll Stolz wollte sie ihm den Schatz zeigen, wollte mit ihm beraten, wofür man das viele Geld ausgeben könnte. Einen ganzen Bauernhof konnte man dafür kaufen, mit Kühen und Pferden und fruchtbaren Äckern. So würden sie noch reicher werden. Ja, wenn sie so darüber nachdachte, gab es eigentlich keinen Grund, warum sie nicht die reichste Bäuerin Kärntens werden sollte, jetzt, wo sie diesen Schatz hatte.
Die Bäuerin rieb sich die Hände und kniete nieder. Sie fasste die Ränder der Truhe.
„Du wirst sehen“, sagte sie zu ihrem Mann. „Ich habe gespart und nun sind wir reich. Wir können uns alles leisten, was auch immer wir wollen.“
Dann hob sie den Deckel der Truhe an. Sie hörte das Zischen in ihrer Aufregung gar nicht. Erst als sie den Deckel ganz angehoben hatte, sah sie es. Das Geld hatte sich verwandelt. Kein einziger Taler, keine Münze, nicht einmal ein Kupferpfennig war übrig. Schlangen quollen aus der Truhe, wanden sich über den Boden und krochen auf die Bäuerin zu. Sie schrie. Mitten in diesem Schrei sprang eine Schlange hoch, der Bäuerin direkt ins Gesicht, und bohrte sich durch ihr Auge in den Schädel.
Die Schlange nistete sich im Schädel der Bäuerin ein. Sie steckte ihren Kopf durch die leere Augenhöhle und züngelte. Wenn sich die Bäuerin zum Essen setzte, kam die Schlange heraus und fraß vom Teller der Bäuerin. Auf der Straße wichen alle vor der Bäuerin zurück. Die Menschen hatten Angst, die Schlange könnte sie anfallen und beißen. So ging das sieben Jahre lang. Jeden Tag, jede Stunde spürte die Bäuerin die Schlange in ihrem Kopf, und die ganze Zeit hörte sie das Zischen des Untiers. Sieben Jahre dauerte diese Qual, dann endlich starb die Bäuerin.

 
In St. Georgen erinnert ein Grabkreuz, das in einer Nische an der Einfriedung der Kirche zu sehen ist. Die Schmiedearbeit zeigt einen Totenschädel, aus dessen linkem Auge eine Schlange kriecht. Das Schlangenkreuz gilt als Mahnung gegen Gier und Geiz. Es scheint so, als hätten die Wenigsten diese Mahnung verstanden. Wir orientieren uns lieber an der Sage vom Reichtum für alle, vom Wohlstand der Nationen und an der Sage, die uns zuflüstert, dass wir nur reich genug sein müssen, um auch glücklich zu sein. Diese Sage, die wir täglich auf den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen lesen, verschweigt uns aber, dass auch für uns ein Bettler hungern muss, wenn wir unseren Reichtum horten.
Wie Jean Ziegler sagt, wird jedes Kind, das an Hunger stirbt, ermordet. Ermordet durch den Geiz und die Gier des Westens. Der Bäuerin sah man ihren Frevel an. Sie musste mit einer Schlange im Gesicht leben. Uns sieht man es noch nicht an, unseren Politikern sieht man es noch nicht an, dass sie alles an sich gerafft und dieses Land ausgeplündert haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. 







Sonntag, 12. August 2012

Marquis de Sade und die Politik

„Das wäre doch ein recht närrischer Staatsmann, der sich seine Vergnügungen nicht vom Staate zahlen ließe; was kümmert uns das Elend des Volkes, wenn wir nur unsere Leidenschaften befriedigen können? Wenn ich wüsste, dass aus ihren Adern Gold flösse, ich würde einen nach dem anderen zur Ader lassen, um meine Goldgier sättigen zu können“, lässt de Sade einen Minister in „Juliette“ sagen. Der Roman wurde 1796 in Frankreich veröffentlicht. Wüsste man das nicht, könnte man glatt denken, die Aussage sei auf amtierende Politiker gemünzt. Eines jedoch unterscheidet unsere Politiker von de Sades Suchern nach einem perversen Übermenschentum: Unsere Politiker wissen nicht, dass sie Sadisten sind. Wüssten sie es, müsste man ihre Taktik als besonders üblen, hinterhältigen Schachzug bewundern. Den Menschen einzureden, es geschehe alles nur zu ihrem Besten, und ihnen dann die letzten Euro aus der Tasche zu ziehen, oder den Mindestpensionisten zehn Euro wegzunehmen, um dann sich selbst und seinen Freunden das so gewonnene Geld zuzuschanzen – ja das kann man schlecht als etwas anderes als angewandten Sadismus klassifizieren.
Sadismus erschöpft sich nicht in sexueller Abweichung. Marquis de Sade sah in sexuellen Ausschweifungen bloß den Gipfel der Selbstbefreiung. Grundlegend sind andere Dinge. In „Die Philosophie im Boudoir“ liefert de Sade die politische und weltanschauliche Quintessenz seiner den Libertins gewidmeten Lehre. Das klingt dann wie das geheime Parteiprogramm einer hier nicht namentlich genannten Partei.
Diebe soll man nicht bestrafen, meint de Sade. Warum nicht? Nun, die hätten durch ihre Taten doch Mut und Geschicklichkeit bewiesen. Der Diebstahl sei eine Tugend der Krieger und außerdem noch sozial. Wer die Reichen bestiehlt und den Armen gibt, sorgt für soziale Gerechtigkeit, trägt zum Ausgleich in einer Gesellschaft bei.
Gleichzeitig plädiert de Sade für die Abschaffung aller Moralvorschriften, die sich gegen die „Zügellosigkeit“ stellen. Denn Moral bedeute immer Gewalt. Man müsse die Menschen mit Gewalt den Regeln eines Staates unterwerfen, und deshalb bedeute Moral nichts anderes als Krieg.
Denkt man diese beiden Punkte zu Ende, gelangt man zu einer Raubtiergesellschaft. Zerstöre alles, was dir im Wege steht. Nimm dir, was auch immer du haben willst, und vernichte deine Feinde so gründlich, dass sie sich nie wieder erholen. Begegne deinen Gegnern mit Verachtung und gib sie der Lächerlichkeit preis. Denn wer lächerlich ist, ist kein Gegner mehr, sondern ein Opfer.
De Sade fordert von seinen Anhängern die rücksichtslose Befriedigung der eigenen Gier. Was wir hier vor uns haben, ist eine Raubtierpolitik. Sie hat das Modell des Neoliberalismus aus der Wirtschaft in die Politik getragen, hat die Politik mit der Wirtschaft so eng verzahnt, dass auf beiden gesellschaftlichen Feldern nur mehr der eigene Vorteil bzw. der Vorteil des eigenen Rudels gilt. Wir sehen die Auswirkungen dieses menschenverachtenden Systems jetzt nicht nur an den verhungernden Kinder in der Sahelzone, sondern direkt vor unserer Haustüre. Wir sehen die Auswirkungen, weil sich auch die geschicktesten Sadisten nicht ewig hinter Worthülsen verstecken können. Irgendwann brechen die Eiterbeulen auf, und dann sieht man das unappetitliche Schlamassel. 

Marquis de Sade, „Die Philosophie im Boudoir“ ist wahrlich kein Lesevergnügen und nur jenen zu empfehlen die sowohl starke Magennerven wie auch Interesse an der Literatur ihrer Feinde haben.

Wer sich für den aktuellen politischen Sadismus interessiert, sollte Jean Ziegler lesen. Nirgends sonst wird dieses System so anschaulich erklärt und entlarvt. 






Donnerstag, 9. August 2012

Hesse im Blumengarten

Glaubt wirklich jemand, er hätte das Glasperlenspiel verstanden, als er es mit vierzehn oder sechzehn zum ersten Mal las? Ist tatsächlich jemand der Meinung, er hätte den Steppenwolf oder Siddharta in seiner gedanklichen und spirituellen Tiefe ausgelotet, als er die Bücher als Jugendlicher verschlang?
Freilich ist an dem Klischee etwas dran. Kaum jemand liest Hesse nach Vollendung des 25. Lebensjahres. Dieses Klischee beruht auf dem Vorurteil, Hesse sei ein Schriftsteller für die revoltierende Jugend. Historisch gesehen stimmt das in gewisser Weise sogar. Zuerst machten die Leser aus der Wandervogelbewegung Hesse populär, dann waren es die Hippies und auch die Friedensbewegung der 80er Jahre schöpfte aus Hesses Werk. Doch an diesem Leseverhalten sind eher die gesellschaftlichen Verhältnisse als die Texte schuld. Würde man Hesse ernst nehmen, könnte man sein Leben nicht so weiterführen wie bisher.
Die revolutionäre Kraft, das Aufrührerische in Hesses Texten liegt ganz weitab vom jugendlichen Aufbegehren. Hesse weist den Weg der Morgenlandfahrer. Die Revolution muss in der Seele stattfinden, dann ändert sich das Handeln von selbst. Das zeigt sich exemplarisch an Josef Knecht, dem Protagonisten des Glasperlenspiels. Erst als er das System durchlaufen, es verinnerlicht hat, erkennt er, dass man sich auch der besten Ideologie nicht überlassen darf. Niemals ist es erlaubt, sein Gewissen an der Eingangstür einer Partei, einer Firma oder einer Religion abzugeben.
Das ist das eine. Die Zerrissenheit des Menschen, seine unausgesetzte Verletzlichkeit ist das andere. Hesse zeichnet seine Figuren immer als Zerrissene, mit sich selbst und der Welt uneins. Auch das ist ja nicht besonders populär. Heute muss man ja ganz genau wissen, wer man ist und was man will, sonst kann man keine Karriere machen, sonst ist man nicht vorne dabei.
Die Ablehnung, die Hesse auch zum 50. Todestag entgegenschlägt, begründet sich ganz einfach. Der Mensch und Autor ist zu sperrig, er lässt sich nicht vereinnahmen und hinter der geschliffenen Prosa verbirgt sich ein Stachel. Das Titelbild des „Spiegel“ macht es deutlich. Der Anarchismus des Gartenarbeitens ist viel gefährlicher als alles revolutionäre Getöne. Denn da, in der Stille könnte man zu sich selbst kommen.
Hesse wieder zu lesen könnte einem die Augen öffnen. Wer vor den Romanen zurückschreckt, der soll doch einmal einen Blick in „Politik des Gewissens“ werfen.

Dienstag, 7. August 2012

Auf da Mölltolleitn - Die Percht bestraft einen Frevler

Die folgende Sage soll erklären, warum es im Mölltal einen roten Felsen gibt, der eine Bergkuppe mehrere hundert Meter überragt. Ein Brocken dieses roten Gesteins liegt herunten im Graben. Wir werden gleich sehen, wie er dorthin kam.
In dem Graben unter dem Felsen stand früher eine Mühle. Und den Leuten in der Mühle ging es nicht schlecht. Sie waren zwar nicht reich, aber sie hatten mehr als manch anderer.
Eine einzige Sorge plagte die beiden Alten: das Verhalten ihres Sohnes. In der Kirche ließ er sich so gut wie nie sehen, ihm war das Gasthaus lieber. Und seine Flüche und unflätigen Reden trugen auch nicht gerade dazu bei, dass er sich in der Umgebung beliebt machte.
Solange seine Eltern lebten, hielt er sich aber offensichtlich zurück. Denn nach ihrem Tod trieb er es noch viel wilder.
Von christlichen Bräuchen und dergleichen wollte er nichts wissen. Er weigerte sich auch beharrlich, das Haus und die übrigen Gebäude in der Dreikönigsnacht zu räuchern. Das soll die Unholde und vor allem die Percht fernhalten. Statt mit der Räucherpfanne durch Haus und Hof zu gehen, entfachte er einen Spreuhaufen und verspottete seine Nachbarn.
In der Sage wird solches Verhalten umgehend bestraft.
Ein Blitz zuckte, und in diesem Moment erschien die Percht oben auf dem Felsen. Das Haar stand ihr wirr um den Kopf, und in der Hand hielt sie einen weiteren Blitz, um ihn auf den jungen Mann zu schleudern.
Der war aber nicht nur frech, sondern auch intelligent. Deshalb hechtete er unter einen Haselstrauch. Dort konnte ihm nichts geschehen. Maria hatte mit dem Jesuskind auf ihrer Flucht nach Ägypten unter einem solchen Strauch gerastet. Deshalb hat die Andere Welt hier keine Macht.
Aber so schnell gibt die Percht nicht auf, wenn sie einmal zornig ist. Sie riss einen Brocken von der Felsnadel ab und schleuderte ihn auf die Mühle. Es blieb nur Schutt davon übrig.
Noch einmal sah der junge Mann die Percht im Strahlenkranz der Blitze auf dem Felsen, dann war sie verschwunden.
Die zerstörte Mühle bot keinen Schutz mehr, und außerdem konnte der junge Mann nicht mehr klar denken. Er lief davon. Einfach weg von diesem furchtbaren Ort. Er lief und lief, hinauf auf den Berg, durch Schneetreiben und Sturm, bis er endlich zu einem Gehöft kam.
Die Leute öffneten ihm und ließen ihn ein. Er brachte kein Wort heraus, aber man sah ihm an, dass ihm etwas Schreckliches zugestoßen sein musste.
Doch der junge Mann konnte sich hier nicht lange sicher fühlen. Schon krachte es wieder, die Tür wurde aufgestoßen, und die Percht stand draußen. Herein konnte sie nicht, aber das war auch gar nicht nötig. Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen, und schon flog der junge Mann durch die Luft. Überdeutlich war das Brechen seines Genicks zu hören. Dann ließ sie ihn einfach fallen und verschwand.
Der Ofen hatte einen Riss, die Bank, auf der der junge Mann gesessen hatte, war zerbrochen, und dem jungen Mann hatte die Percht das Gesicht in den Nacken gedreht.