Sonntag, 22. Juli 2012

Herkules und das Wörtherseemandl

Herkules stand am Marktplatz von Mykene, und seine Knie zitterten. Der erymanthische Keiler auf seinen Schultern drückte ihn zu Boden. Gerade erst hatte er das Vieh in einen Schneehaufen gejagt und gefesselt.
Die Fesselung des erymanthisch-
en Keilers war die vierte Arbeit des Herkules. Im Wahnsinn hatte Herkules seine Kinder getötet, und nun musste er zwölf Arbeiten erledigen, um sich von der Schuld zu befreien.
Als Herkules den Eber ablud und sich den Dreck von den Kleidern klopfte, kam ein Junge auf ihn zugelaufen. Außer Atem berichtete der Junge, dass Iason ihn schicke.
„Großer Herkules“, sagte der Junge. „Iason plant eine Fahrt nach Kolchis, um das goldene Vlies zu holen. Dazu ruft er die besten und tapfersten Männer.“
Herkules ließ den Eber auf dem Marktplatz liegen und machte sich auf den Weg. Sollten die Mykener doch selber schauen, wie sie mit dem Biest klarkamen. Die Fahrt nach dem goldenen Vlies war wenigstens ein Abenteuer, bei dem man Ruhm erwerben konnte. Nicht so ein Blödsinn wie das Abschlachten von Drachen und das Fangen von Löwen und Ebern.
Nun, was die Drachen anbelangte, so täuschte sich Herkules. Schon in Kolchis mussten er und Iason einen Drachen mit dem Saft des Wacholders betäuben, um überhaupt an das goldene Vlies zu kommen. Dann auf der Flucht von dem wütenden König von Kolchis verirrten sie sich und landeten weit im Norden, und da war schon wieder ein Drache.
Wie wir wissen, tötete Iason den Drachen in den Sümpfen der Save und gründete Ljubljana.* Dann nahmen die Helden ihr Schiff und trugen es über Land an die Adria. Nur Herkules hatte andere Pläne. Oder besser gesagt, seine fünfte Arbeit wartete auf ihn.
Hermes, der Götterbote kam und gab Herkules folgende Anweisungen: „Geh nach Norden. Da findest du ein Land. Oder was davon übrig ist. Was da zu tun ist, wirst du selber sehen...“
Das klang gar nicht gut, und während Herkules am Triglav vorbei Richtung Karawanken wanderte, malte er sich die schrecklichsten Szenen aus. Ein Land besetzt von Dämonen und blutsaugenden Harpyien. Ein Land, wo die Menschen von Seuchen niedergedrückt wurden oder eine Horde von Wölfen das Leben unmöglich machte. Doch was er sich auch vorstellte, es wurde übertroffen von dem Gestank, der ihm entgegenschlug, als er den Loibl überquerte.
Meterhoch standen der Mist und die Jauche auf den Feldern. In den Städten konnte man sich kaum fortbewegen und selbst die Flüsse waren verdreckt und stanken bestialisch. Da waren keine Dämonen am Werk und auch keine wilden Tiere, sondern die Gier und die Habsucht der Herrscher. So lange hatten sie ihr Vieh vermehrt, bis die Kühe und Schweine in ihrem eigenen Dreck zu ersticken drohten. Ja, der König warf den Schweinen jetzt sogar schon die eigenen Untertanen zum Fraß vor, und jeden Tag, jede Stunde wuchsen der Misthaufen und der Jauchensee.
Für Herkules war klar, was er tun musste. Die Frage war nur, wie er das anstellen sollte. Im ganzen Land gab es keinen Tropfen sauberes Wasser. Nur ein großer Regen oder so etwas konnte helfen. Aber so einen Regen heraufzubeschwören stand nicht in Herkules Macht. Während er überlegte, schweifte sein Blick über das Land, und da bemerkte er einen Dunghaufen, der sich bewegte. Gedämpftes Murren und Schimpfen drang unter den Kuhfladen hervor. Herkules schob den Dreck angewidert zur Seite, und zum Vorschein kam ein Zwerg. Ein Zwerg, der ein Fass unter dem Arm trug. 

„Was hast du da in deinem Fass?“, fragte Herkules.
„Wasser“, antwortete der Zwerg und wischte sich die letzten Reste des Kuhfladens aus dem Gesicht.
„Na, besser als nichts. Wie viel ist da drinnen? Zwei Liter?“
„Hast du eine Ahnung“, meinte der Zwerg und versuchte den Hahn zu öffnen, aber der Spund war so verstopft, dass nicht ein Tropfen Wasser herauskam.
„Leer?“, fragte Herkules.
„Verstopft. Vielleicht hilfst du mir einmal?“
Herkules beugte sich zu dem Zwerg hinunter und inspizierte den Hahn an dem Fässchen. Da kann doch wirklich nicht sehr viel Wasser drinnen sein, dachte er sich und bohrte mit dem kleinen Finger den Spund weiter auf. Da schoss eine Wasserfontäne aus dem Fässchen, die Herkules von den Füßen riss. Und immer mehr und mehr Wasser plätscherte aus dem Fässchen, und der Zwerg stand daneben und grinste. Herkules nahm den Zwerg und das Fässchen und trug sie hinauf in die Tauern. Von dort strömte das Wasser durch Kärnten, säuberte ein Tal nach dem anderen und wusch alles sauber. Straßen und Häuser kamen unter dem Dreck hervor. Wälder und Seen strahlten wieder und die Menschen wuschen sich den Mist von den Leibern. Allerdings kam auch ein Lindwurm zum Vorschein. Der hatte die ganze Zeit unter dem Dreck im Sumpf um Klagenfurt geschlafen.
Noch ein Drache, dachte sich Herkules. Sei’s drum. Er packte seine Keule und erschlug die Bestie.
Heute steht Herkules auf dem Neuen Platz in Klagenfurt und das Wörtherseemandl mit dem Fass unter dem Arm keine hundert Meter entfernt in der Kramergasse. Noch stehen sie fest auf ihren Podesten. Aber wer weiß, wann es wieder Zeit ist und sie heruntersteigen, die Keule schwingen und das Fass öffnen? 



Freitag, 20. Juli 2012

Die Sagen und die Ortstafeln Teil 2



Bei der Recherche zu meinem Sagenbuch stieß ich immer wieder auf verschiedensprachige Ortsangaben. Dass aus „Khring“ mittlerweile Kringa geworden ist, stellt kein besonderes Rätsel dar. Aber was macht man, wenn man über den Isonzo schreibt? Nun, man entscheidet sich für den gebräuchlichsten Namen. Auf Furlanisch nennt man den Fluss Lusinç, ein alter deutscher Name lautet Sontig, und auf Slowenisch nennt man ihn Soča. Ja, und jetzt haben wir den Salat. Was mache ich mit der slowenischen Sage von den drei Flüssen? Die handelt nämlich von der Drava, der Sava und der Soča. Da die Sage aus slowenischen Quellen stammt, kann ich die Flüsse schlecht Drau, Save und Isonzo nennen.
Der gleiche Fluss heißt also je nach Sage entweder Isonzo oder Soča. Das halte ich für kein Problem, zumal dieser Umstand im Buch erklärt wird. Ich finde diese Vielsprachigkeit, diese Vielnamigkeit ganz richtig und auch befreiend. Während man sich in Kärnten darüber in die Haare gerät, ob man Pliberk oder Bleiburg sagt, scheint das in Friaul kein sehr dringliches Problem zu sein. Im Gegenteil, der Bürgermeister von Tarvis Renato Carlanto setzt sich für mehr viersprachige Aufschriften an Ämtern ein, und er betont, jeder Bürger habe das Recht, sich in seiner Muttersprache zu äußern.
Das klingt jedenfalls wesentlich entspannter als das Gefeilsche, das in Kärnten anhebt, wenn es um die Zweisprachigkeit geht. In Kärnten werden selbst Absurditäten noch als Erfolg gefeiert. Teile der Gemeinde St. Kanzian/Škocjan dürfen Slowenisch als Amtssprache verwenden, andere Teile der Gemeinde nicht. Es kommt also nicht darauf an, ob man slowenischer Muttersprache ist, sondern in welchem Teil der Gemeinde man lebt. Das ist kein Erfolg, das ist peinlich.



Donnerstag, 12. Juli 2012

eBooks vs. gedruckte Bücher


 















Noch nie hat ein Medium ein anderes vollständig verdrängt. Immer noch werden Buchstaben in Steinblöcke gemeißelt. Das Fernsehen hat dem Kino nicht besonders geschadet, und das eBook wird das gedruckte Buch zwar ergänzen, aber nicht ersetzen.
Man kann solche Binsenweisheiten der Medienwissenschaft selbstverständlich ignorieren und wie Konrad Paul Liessmann den Untergang der Buchkultur bejammern. Dazu besteht aber gar kein Anlass. Noch nie wurden so viele Bücher verkauft wie heute. Nicht einmal das Internet kann dem Buch etwas anhaben. Ironischerweise ist das größte Internetunternehmen ja eine Buchhandlung.
Liessmans Einwände sind allesamt nicht haltbar. Er bemäkelt, dass eBooks wissenschaftlich nicht nutzbar seien, weil man daraus nicht zitieren könne. Nun gibt es mittlerweile Seitenzahlen bei eBooks, und wenn man den Seitenumbruch auch noch kenntlich machen würde, dann wäre das Problem gelöst. Außerdem lese ich Artikel, die von wissenschaftlichen Zeitschriften als PDF zur Verfügung gestellt werden am eBook-Reader. Das ist wesentlich angenehmer als am Computerbildschirm.
Für Studierende und Forschende bietet der eBook-Reader darüber hinaus den Vorteil, dass man eine ganze Bibliothek mit sich herumtragen kann, ohne einen Bandscheibenschaden zu riskieren.
Was die schlampigen Klassikerausgaben anbelangt: Ja, da hat Liessmann recht. Gratis eBooks sind oft von beeindruckend schlechter Qualität, gekürzt oder aus zweifelhaften Vorlagen erstellt. Aber Verlage arbeiten an zuverlässigen, zitierfähigen Ausgaben. Die kosten dann halt etwas.
Selbst wenn diese Probleme gelöst sind, wird das gedruckte Buch nicht verschwinden. Vielleicht werden weniger Wälder für Eintagsliteratur abgeholzt, aber gelesen wird weiterhin – mehr gelesen denn je.
Die neue Technologie bietet der Literatur aber auch neue Chancen. Kurzgeschichten erleben einen Aufschwung, denn diese werden zwar gerne gelesen, in gedruckter Form sind sie aber quasi unverkäuflich. Als eBook sind sie überall und jederzeit verfügbar, zum Beispiel wenn man den Bus versäumt hat oder im Stau steht.
Auch für Autoren eröffnen sich neue Möglichkeiten. Als Vorbild kann der serbische Schriftsteller Milorad Pavić dienen, der den technischen Voraussetzungen seiner Zeit voraus war. Erst auf einem eBook-Reader werden seine Romane dem Leser in ihrer ganzen Komplexität zugänglich. Wie das funktioniert, kann man sich hier am Beispiel der Erzählung Damscene ansehen.