Sonntag, 23. Dezember 2012

Satan Claus und die chinesischen Weihnachtselfen

Weihnachten ist schon längst das Hochfest des Raubtierkapitalismus. Wir erzählen eine Geschichte von Überfluss und Ausbeutung und wundern uns, dass die Nächstenliebe und das Mitleid nur mehr als Dekoration für unsere Unersättlichkeit dienen.

Die Geschichte von Santa Claus und den Weihnachtselfen ist ein zentraler Bestandteil amerikanischer Mythologie. Unterstützt von Hollywood und der Werbeindustrie schwappt die Erzählung vom Weihnachtsmann und seinen Elfen über den Atlantik und setzt sich in unserem Alltag fest. Santa Claus und seine Gehilfen hausen am Nordpol und haben nichts Besseres zu tun, als Wunschzettel zu sammeln und dann die Geschenke in Akkordarbeit herzustellen.
Die einzige Aufgabe des Weihnachtsmannes ist es, diese Geschenke rechtzeitig und richtig zuzustellen. Er ist ein Dienstleister und seine mythologische Kompetenz erschöpft sich darin, dass er das Urbild des Kaufmanns ist. Wie überhaupt die ganze Geschichte – vom Auftrag über die Auftragsannahme, die Herstellung bis zur Auslieferung – den Traumpfad kapitalistischer Idealvorstellung abbildet. Ein Brief an den Weihnachtsmann genügt, um diese Maschinerie in Gang zu setzen. Alle Waren sind immer und in unbegrenzter Anzahl verfügbar. Selbst die Massenherstellung von Waren wird in dieser Erzählung gefeiert. Sie ist eine Errungenschaft, die endlich die Überschwemmung des Marktes mit billigen Produkten sicherstellt. Und die Elfen? Die sind doch froh, dass sie überhaupt Arbeit haben. Die schuften auch für einen Euro am Tag, oder für Essen und Unterkunft, und ja, sie lachen dabei auch noch.

Der Ursprung der Weihnachtselfen.
Die unterdrückten und ausgebeuteten Weihnachtselfen wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Weihnachtsmythologie eingeführt, und sie sind leicht erkennbar ein Produkt kapitalistisch-bürgerlicher Fantasie angesichts der Industrialisierung. Wenig erstaunlich auch, dass die Weihnachtselfen zuerst in der amerikanischen Frauenzeitschrift „Godey’s Lady’s Book“ auftauchen. „Godey’s Lady’s Book“ war ein Blatt für die aufgeklärte bürgerliche Frau und ihre Familie, vergleichbar mit der deutschen „Gartenlaube“ und auch mindestens so einflussreich. Erfunden wurde die amerikanische Weihnachtsmythologie von einer ganzen Reihe von Autoren und Zeichnern, denen aber allen gemeinsam war, dass sie der aufklärerischen Bewegung um Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau nahestanden. Sie ersetzten die alte Geschichte vom Kind in der Krippe durch einen neuen Mythos. Das wollten sie vermutlich nicht und schon gar nicht war das so geplant. Aber jede Gesellschaft, jede Ideologie bringt ihren eigenen Mythos hervor.

Amerikanischer Mythos – Weltweite Wirklichkeit
Welche Geschichten wir erzählen, ist von immanenter Bedeutung für unsere Gesellschaft und für unser alltägliches und ganz persönliches Leben. Die Geschichte vom Weihnachtsmann und seinen Elfen ist Wirklichkeit geworden. Stellen wir uns folgende Szene vor:
Ein weißer Mann steht in einer Fabrik und beaufsichtigt Minderjährige bei der Arbeit. In Indien nähen die Kinder T-Shirts, in Madagaskar kratzen sie Rinde von Zimtsträuchern und in China stecken sie im Akkord Spielkonsolen und Plastikpuppen zusammen. Jetzt verpassen wir dem Mann ein weißen Bart, einen mächtigen Bauch und ein Weihnachtsmannkostüm, und die Fabriken verlegen wir allesamt auf den Nordpol. Wenn wir jetzt noch den Kindern die Ohren langziehen und ihnen grüne Zipfelmützen aufsetzen, stecken wir mitten drin in der amerikanischen Weihnachtsmythologie. Da geht es nicht mehr um das arme Kindlein in der Krippe in einer bitterkalten Nacht in Bethlehem. Nicht mehr um die Erlösung der Menschheit, sondern darum, dass irgendwelche verzogenen Gören ihr Spielzeug bekommen. Und zwar pünktlich.
Weihnachten als Fest des Raubtierkapitalismus, als Geschichte der Ausbeutung der Schwachen und Hilflosen? Ja, wenn man die Mythologie ernst nimmt, dann ist Weihnachten genau das geworden. Verwunderlich ist das nicht.

Was wir anbeten
In der Mitte jeder Gesellschaft finden wir jene Geschichte, die den Menschen am wichtigsten ist. Wir spielen die Geschichte vom Weihnachtsmann und seinen Elfen nach. Wir laufen in die Geschäfte und kaufen Geschenke, klicken uns im Internet durch ein immer größer werdendes Warenangebot und produzieren dadurch genau jenes Leid, das wir aus der Erzählung von den Weihnachtselfen kennen.
Weihnachten ist von einer rituellen Feier der Geburt Jesu Christi zu einem Ritus des Konsums geworden. Ritualisiert und kultisch verstecken wir die Geschenke, packen sie ein und legen sie unter einen geschmückten Baum. Wer nun glaubt, das sei immer schon so gewesen und da hätte nur der Kommerz einen grundsätzlich christlichen Brauch überdeckt, der irrt. Zu Weihnachten wird erst seit dem 19. Jahrhundert überhaupt etwas geschenkt. Vorher war es der 6. Dezember und damit der Vorgänger unseres Santa Claus, der den Kindern ein paar Nüsse und vielleicht eine Tafel Schokolade brachte.
Wie jeder Mythos, der so vehement innerhalb einer Gesellschaft erzählt und gelebt wird, bringt auch dieser seine ihm eigene Wirklichkeit hervor. Deshalb ist es nicht gleichgültig, welche Geschichten wir erzählen. Es ist nicht gleichgültig auf welchem Mythos wir unsere Wirklichkeitskonstruktion gründen. Denn wir leben in der Welt, die wir uns erzählen.
Schon lange habe ich die Erzählung nicht mehr gehört, die da beginnt mit den Worten: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde ...“ 

Sonntag, 16. Dezember 2012

Die Feenharfe

Morgan ap Rhys war ein altes Raubein. Er trank gerne einen über den Durst, und er hatte nicht die feinsten Manieren. Das Schlimmste war aber sein Gesang. Er sparte sich die Mausefallen, denn seine Stimme war so schrill, das selbst die Mäuse und Ratten davonliefen, wenn der alte Morgan auch nur einen Ton sang.
Am meisten ärgerte Morgan aber das Urteil eines Barden. Der hatte gesagt, Morgans Stimme klinge wie das Muhen einer altersschwachen Kuh oder wie das Bellen eines blinden Hundes, dem man auf den Schwanz getreten ist.
Das wollte Morgan dem Barden heimzahlen. Er wusste bloß noch nicht wie. Doch dann ergab sich eine ungewöhnliche Gelegenheit. Und das kam so:
Eines Tages saß Morgan alleine in seinem Haus und sang. Seine Frau hatte rechtzeitig das Weite gesucht. So saß er also und sang, und zwischendurch trank er sein Bier. Da klopfte es. Da Morgan aber gerade mitten in einem Lied war, antwortete er nicht. Als das Lied aus war, klopfte es wieder.
„Na, dann komme halt herein, wer draußen ist“, rief Morgan.
Die Tür ging auf und drei müde Wanderer traten ein.
„Oh, wir wollen nicht stören. Fragen nur, ob Ihr einen Happen zu essen habt für uns“, sagte einer der Wanderer.
„Dort trüben ist der Käse und das Brot“, grummelte Morgan. „Das Messer liegt daneben. Bedient euch selbst. Soll keiner sagen, der alte Morgan würde einen Wanderer hungrig weiterziehen lassen.“
Die drei Wanderer waren aber niemand anderes als drei Feen. Sie bedankten sich für die Gastfreundschaft und sagten: „Morgan, Ihr habt einen Wunsch frei. Wir wollen ihn Euch gerne erfüllen.“
Da überlegte der alte Morgan hin und her.
„Na ja“, sagte er endlich. „Wenn ich eine Harfe haben könnte, die lustige Lieder spielt, ich meine, spielt, ohne dass ich groß was tun müsste. Das wäre schon fein.“
Er hatte seinen Wunsch noch kaum geäußert, stand die Harfe auch schon vor ihm. Die Feen aber waren verschwunden.
Bald hatte es sich im ganzen Land herumgesprochen. Der alte Morgan spielte jeden Abend zum Tanz, und alle mussten tanzen, bis er aufhörte zu spielen. Solche Macht hatte seine Musik.
Das hörte auch der Barde. Ja, genau jener, der den alten Morgan so beleidigt hatte. Er wollte sich das unbedingt anhören. Der alte Morgan, dachte er sich, was wird der schon zuwege bringen.
Als Morgan den Barden unter den Gästen sah, wusste er, dass die Zeit der Rache gekommen war. Er spielte, wie er noch nie gespielt hatte. Sogar die Lahmen sprangen von ihren Bänken auf und begannen zu tanzen. Auch der Barde konnte sich der Musik nicht entziehen. Alle tanzten, dass ihnen der Schweiß in Strömen übers Gesicht lief. So hoch sprangen sie, dass sie sich die Köpfe an den Dachbalken stießen.
„He, Morgan, hör auf, wir können nicht mehr“, riefen die Leute.
Aber Morgan spielte weiter. Einige waren so erschöpft, dass sie nur mehr am Boden lagen und mit Armen und Beinen zuckten. Morgan hatte kein Mitleid, er spielte und spielte.
Erst als sich der Barde so verausgabt hatte, dass er stürzte und sich ein Bein brach, nahm Morgan die Hände von der Harfe.
Sehr zufrieden mit seiner Rache legte sich Morgan schlafen. Als er am nächsten Tag nach seiner Harfe sah, konnte er sie nicht mehr finden. Die Feen hatten sie wieder zurückgeholt, denn Morgan hatte sich des Geschenks nicht würdig erwiesen.


Sonntag, 9. Dezember 2012

Frau Holle in Afrika


Marwe und ihr Bruder bewachten das Bohnen- feld ihrer Eltern. Sie waren mit Stöcken bewaffnet, um die Affen zu vertreiben. Die Affen machten sich einen richtigen Spaß daraus, sich von den Bäumen herunterzuschwingen und den Menschen ihre Früchte zu stehlen. Aber für die Menschen war das gar nicht lustig. Wenn sie die Affen nicht abwehren konnten, mussten sie verhungern.
Da sich keine Affen blicken ließen, hatten Marwe und ihr Bruder Zeit, Ratten zu jagen. Sie erschlugen sie mit ihren Stöcken und brieten sie über einem Feuer. Das war zwar kein Festmahl, aber immerhin knurrte der Magen nicht mehr.
Jetzt plagte sie der Durst. Der Brunnen befand sich aber ein gutes Stück vom Feld entfernt. Die Geschwister dachten, die Affen würden sich jetzt wohl nicht mehr blicken lassen, und gingen gemeinsam zum Brunnen.
Die Affen hatten aber nur auf diese Gelegenheit gewartet. Keine einzige Bohnenschote war mehr an den Stängeln, als Marwe und ihr Bruder zurückkamen.
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Marwe. „Wenn unsere Eltern das sehen, werden sie uns erschlagen. Lass uns in den Brunnen springen.“
Aber ihr Bruder wollte sich zuerst lieber verstecken und die Eltern belauschen.
Als die beiden am Abend nicht nach Hause kamen, gingen die Eltern hinaus auf das Feld und sahen die Verwüstung.
„Oh, diese unnützen Kinder“, rief die Mutter aus. „Wenn ich die beiden erwische, werde ich sie erwürgen.“
Die Kinder hörten gar nicht mehr weiter zu, sondern liefen zu dem Brunnen. Marwe überlegte nicht lang und sprang hinein. Ihren Bruder aber verließ der Mut. Er rannte nach Hause.
„Marwe ist in den Brunnen gesprungen“, schrie er. „Marwe ist ertrunken.“
Der Zorn über das zerstörte Feld war vergessen. Die Mutter brach in Tränen aus, und der Vater lief zum Brunnen.
„Marwe, komm nach Hause“, rief er. „Wir können die Bohnen doch wieder neu pflanzen. Marwe, hörst du mich? Wir sind dir nicht böse.“
Aber er erhielt keine Antwort. Denn Marwe war mittlerweile am Grund des Brunnens angelangt. Dort am Grund des Brunnens war eine Öffnung, und durch die schwamm Marwe hindurch. So gelangte sie in das Land der Alten Frau.
Die Alte Frau war eine Feenkönigin, und sie begrüßte Marwe. Im Schloss der Feenkönigin gab es noch viele andere Mädchen, und die Feenkönigin schickte sie mit Marwe hinaus, um Brennholz zu sammeln.
„Geh ruhig mit ihnen. Du musst ihnen aber nicht helfen“, sagte die Feenkönigin zu Marwe.
Doch Marwe wollte nicht bevorzugt werden. Sie half fleißig bei der Arbeit, nahm aber nie etwas zu essen an. Sie wusste, dass sie hier weder etwas essen, noch etwas trinken durfte, wenn sie jemals wieder zu den Menschen zurück wollte. Nahm sie auch nur ein Stück Brot, so musste sie für immer bei der Feenkönigin bleiben.
So vergingen Tage und Wochen. Marwe fand es schön im Reich der Feenkönigin, aber so recht wohl fühlen konnte sie sich hier nicht.
„Ich möchte wieder zurück“, sagte sie deshalb zur Feenkönigin.
„Gut“, sagte die Alte Frau. „Du darfst dir vorher noch etwas wünschen. Was möchtest du, das Kalte oder das Heiße?“ Sie zeigte auf zwei Töpfe mit Wasser.
„Das Kalte“, antwortete Marwe, ohne zu überlegen.
„Dann steck deine Hand in den Topf.“
Marwe tat es, und als sie ihre Hand wieder herauszog, funkelte ein Armband an ihrem Handgelenk.
„Nun die Füße“, sagte die Feenkönigin.
Als Marwe nun festlich geschmückt vor ihr stand, gab ihr die Feenkönigin noch ein Geheimnis mit auf den Weg.
„Wenn du aufwachst, wirst du wieder bei dem Brunnen sein, in den du gesprungen bist. Die Leute werden kommen, um dich ins Dorf zu holen. Gehe nicht mit ihnen mit. Warte auf einen Mann, den sie Sawoye nennen.“
Es kam alles so, wie die Feenkönigin es vorausgesagt hatte. Wirklich umringte sie bald eine aufgeregte Schar von Menschen. Man hatte noch nie so ein schönes und reich geschmücktes Mädchen gesehen. Der Häuptling selbst kam, um Marwe abzuholen. Sie aber weigerte sich.
„Nein, ich gehe nur mit einem Mann, der sich Sawoye nennt“, beharrte sie.
„Sawoye, Sawoye“, wunderten sich die Leute. „Wer kann das nur sein?“ Bis sich jemand erinnerte, dass doch der Einsiedler draußen im Dschungel so hieß.
Man schickte nach ihm. Als er dann auftauchte, waren die Leute erstaunt, dass so ein hübsches und reiches Mädchen nach diesem Bettler verlangte. Aber Marwe zögerte keinen Augenblick und vertraute der Feenkönigin. Sie warf sich Sawoye an den Hals und küsste ihn.
Marwe und Sawoye heirateten, bauten ein Haus und kauften die größte Viehherde, die man in dieser Gegend je gesehen hatte.

Freitag, 7. Dezember 2012

Noch einmal für Thukydides

Zum 70. Geburtstag wird allüberall über Peter Handke geschrieben und seine wichtigsten Werke aufgezählt. Niemand nutzt aber die Gelegenheit, um auf eines seiner schönsten Bücher hinzuweisen. „Noch einmal für Thukydides“ ist ein schmaler Band, zuerst 1995 im Residenz Verlag erschienen, und wie kein anderes Werk Handkes versucht es den Epos des Friedens.
Über den Frieden – und die damit verbundene spektakuläre Alltäglichkeit – zu schreiben, ist ein großes Projekt Peter Handkes, sein Lebensprojekt vielleicht. In der öffentlichen Diskussion ist davon kaum die Rede, aber seine Leser wissen es. Es geht um das Fallen des Schnees in Aomori in Japan, um einen Papagei, der in Patras in einem Baum sitzt und seinem Besitzer zärtlich zugurrt. Es geht um das Verladen von Ziegelsteinen im Hafen von Dubrovnik und immer wieder um den Wind. Peter Handke versteht es, uns das Schauen, das Lauschen und das Schmecken noch einmal zu lehren und uns Sehnsucht nach den einfachen Dingen zu machen. Das Donnern über Brazzano in Friaul, das Stunden anhielt, erscheint wie eine Befreiung, denn wir wünschen uns, dort zu sitzen und dem Donner zuzuhören, den Mut zu haben, uns die Zeit zu nehmen und zu lauschen und die Wolken zu beobachten, wie sie sich zusammenballen, wie sie die Farbe wechseln und dann ausregnen.
Und was hat das mit Thukydides zu schaffen? Nun, wie Thukydides über den Peloponnesischen Krieg berichtete (immerhin sieben sehr dicke Bände), so ausführlich und so genau möchte Peter Handke über den Frieden schreiben. Was hier als Epopöe beginnt, wächst in „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ zum ersten Mal zum Epos.
Der 70. Geburtstag ist Gelegenheit genug, sich mit diesem wichtigen Aspekt seines Schaffens zu beschäftigen. Vielleicht gehen darüber den Lesern die Augen auf, und sie lesen hinter und durch den Text tatsächlich eine Geschichte des Friedens, die viel heroischer und schöner ist als das Gemetzel auf den Schlachtfeldern.


Sonntag, 2. Dezember 2012

Die Huldrenprinzessin auf Selö

Die Insel Selö steuerten die Fischer nur im Sommer und Herbst an. Es war auch zu dieser Zeit noch gefährlich genug. Eine raue See, ein Sturm genügte, und man saß für Wochen auf der Insel fest – wenn man nicht schon zuvor mit seinem Boot an den Klippen zerschellte.
So ging es auch einmal einem Fischer kurz vor dem Wintereinbruch. Er konnte sich nur mit letzter Not aus dem aufgewühlten Meer an das Ufer der Insel retten. Durchnässt, durchgebeutelt und zu Tode erschöpft kroch er den Strand hinauf. Nur weg vom Meer.
In einer Hütte fand er Unterschlupf. Doch es wurde ihm ziemlich bald klar, dass er in diesem Bretterverschlag unmöglich den Winter überleben konnte. Die Eisstürme würden durch jede Ritze dringen. Auch hatte er nichts zu essen.
Aber er wurde gerettet. Eine der Huldren hatte ihn beobachtet, und sie dachte wohl das Gleiche wie er. Außerdem gefiel er ihr. So brachte sie ihn in das Schloss ihres Vaters.
Bei der Sache gab es nur ein einziges Problem: Der Vater durfte nie erfahren, dass ein Mensch in seinem Palast war. Deshalb versteckte die Feenprinzessin den Fischer in einem Zimmer hoch oben in einem Turm.
Dort lebte der Fischer frisch und fröhlich. Die Huldre brachte ihm zu essen und zu trinken, und die beiden verstanden sich auch sonst gut.
Dann aber kam Weihnachten immer näher.
„Du musst mir eines versprechen“, sagte die Fee. „Egal was auch passiert, sieh am Weihnachtsabend nicht aus dem Fenster. Wenn mein Vater dich entdeckt, musst du sterben, und ich werde verstoßen.“
Er versprach es ihr hoch und heilig. Aber als es dann so weit war, konnte er doch nicht widerstehen. Die Neugierde war einfach zu groß.
Was er sah, nahm ihm den Atem. So ein herrliches Fest hatte er noch nie beobachtet.
„Du hast dein Versprechen nicht gehalten“, schimpfte die Fee am anderen Tag. „Aber wir haben Glück. Mein Vater hat nichts bemerkt. Zu Silvester findet wieder ein Fest statt. Beherrsche dich wenigstens diesmal.“
Aber wieder war die Verlockung groß. Noch schöner und prächtiger klang die Musik zu ihm herauf. Er konnte nicht anders. Wenigstens einen Blick musste er riskieren.
So ging das bis ins Frühjahr. Der König hatte nichts vom Aufenthalt des Fischers mitbekommen.
Als der erste Sommertag kam, geleitete die Feenprinzessin den Fischer wieder zurück an den Strand.
„Nur eines erbitte ich noch von dir“, sagte sie zu ihm. „Ich erwarte ein Kind von dir. Wenn du gefragt wirst, dann bekenne dich zu dem Kind. Kann ich dem König nicht sagen, wer der Vater ist, so wird er mich töten.“
Auch das versprach der Fischer. Aber wir ahnen schon, wie die Geschichte weitergeht.
Eines Sonntags in der Kirche stand eine Wiege neben dem Altar. Eine goldene Decke lag über dem Kind.
„Wer ist der Vater dieses Kindes?“, fragte der Pfarrer. „Auf welchen Namen soll ich es taufen?“
Der Fischer, der sehr genau wusste, dass dies nur sein Kind sein konnte, schwieg.
„Ich weiß, wessen Kind es ist“, sprach der Pfarrer weiter, „aber ich kann es nur taufen, wenn der Vater sich zu seinem Kind bekennt.“
Wieder schwieg der Fischer.
Da erhob sich ein Sturm in der Kirche. Kurz nur erschien das Bild der Feenprinzessin. Sie riss die Wiege an sich, und im Nu war alles verschwunden. Nur die goldene Decke blieb vor dem Altar liegen.


Mittwoch, 7. November 2012

Von glücklichen Drachen und nassen Füßen

Vor langer Zeit, so erzählt man sich, hauste oben im Maltatal ein großer Drache. Er lebte in einem See, der zwischen den Berghängen aufgestaut war. Dieser Drache war weder besonders bösartig, noch war er besonders nett. Er war eben ein Drache, und er fraß gelegentlich ein Schaf oder eine Kuh. Aber die Menschen konnten sich nicht damit abfinden, und deshalb versuchten sie, den Drachen zu töten.
Der Drache wurde wütend, zerbrach den Felswall, der das Wasser zurückhielt, und das ganze Maltatal ging in einer riesigen Flut unter. Die Stadt Malta wurde weggeschwemmt. Menschen und Vieh ertranken.
Die Sage erzählt eine Geschichte von heute. Der Drache, die Naturgewalt fordert ihren Raum und lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad beherrschen. Mit einem Drachen geht man vorsichtig und respektvoll um, man zwängt ihn nicht in einen Käfig, und man kitzelt ihn nicht an der Nase.
Die Verwüstung Lavamünds ähnelt der Sage vom Untergang der Stadt Malta. Auch hier wurde ein Drache über Jahre und Jahrzehnte gereizt, eingezwängt und in seinem freien Leben gehindert. Wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, so gibt es immer mehrere Ebenen von Ursachen. Es mag sein, dass irgendein Gesetz und seine Anwendung Mitschuld an dem Hochwasser in Lavamünd haben. Mag auch sein, man hätte vieles durch beherztes Handeln verhindern können. Aber hinter dieser Ebene gibt es eine weitere. Eine Ebene, auf der sich die Frage nach unserem Umgang mit der Umwelt und unserem Verhältnis zur Natur stellt. Die Sage vom Drachen im Maltatal führt uns sozusagen bildhaft vor Augen, was geschieht, wenn wir handeln, als ob wir die Natur jemals besiegen könnten. Ja sie weist uns den Weg zu einer Erzählung, in der es nicht mehr um Sieg oder Niederlage geht. Die alte Weisheit ist heute fast vergessen. Es hat keinen Sinn, einen Drachen zu töten oder in einem Käfig zu sperren. Nur wer es schafft, sich den Drachen zum Freund zu machen, wird glücklich. Sonst gilt: Wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich, und wer sich mit dem Wasser anlegt, bekommt nasse Füße.



Freitag, 2. November 2012

Der Türmer zu Klagenfurt

Einen schlechteren Türmer hatte Klagenfurt noch nie gesehen. Jede Nacht musste ihn der Nachtwächter vom Stammtisch aufscheuchen und dann wankte der Türmer, die Trompete unter den Arm geklemmt, über den Neuen Platz auf die Stadtpfarrkirche zu. Wenigstens die Zeit sollte er den Leuten anzeigen. Dass er auf dem Stadtpfarrturm saß und darauf achtgab, ob es irgendwo brannte, das erwartete ohnehin niemand mehr.
Als der Türmer wieder einmal in einer der Spelunken einen Schnaps nach dem anderen in sich hineinkippte, geriet er an ein paar besonders spottlustige Klagenfurter.
„Wenn man genau ist“, meinte einer, „dann kann sich die Stadt den Türmer auch sparen. Das einzige was der löscht, ist sein Durst.“
„Aber geh“, sagte ein anderer. „Wenigstens ist der Neue Platz immer schön sauber.“
„Wie meinst du denn das?“, fragte der Türmer.
„Na, das ist ja ganz einfach. Der Neue Platz ist immer schön sauber, weil du jede Nacht mit deinem Fetzen drüber gehst.“
„Ja, und feig ist er auch noch“, setzte ein anderer Gast nach. „Wisst ihr eigentlich, warum er immer in den Wirtshäusern herumhängt, warum ihn der Nachtwächter jede Nacht beim Kragen packen und zur Stadtpfarrkirche schleifen muss?“
Die Gäste sahen ihn erwartungsvoll an, und auch der Türmer machte große Augen.
„Gestrichen voll hat er die Hosen“, setzte der Gast fort, „weil er Angst hat, dass ihn die Toten holen. Ihr wisst doch. Zu Mitternacht darf der Türmer nicht nach Süden blasen, dorthin, wo der Friedhof ist. Und so besoffen wie er ist, weiß der ja schon nicht wo links und rechts ist, wie denn dann erst, wo Süden ist?“
„Halts Maul, du Trottel“, schrie der Türmer. „Ich werd dir schon zeigen, du … Ich werds dir schon zeigen“, trank noch einen Schnaps, packte seine Trompete und torkelte aus dem Gasthaus.
Diesmal musste der Nachtwächter nicht lange suchen. Der Türmer kam ihm am Neuen Platz schon entgegen. Forsch schritt er aus und hielt dabei einmal mit dem rechten, dann mit dem linken Arm das Gleichgewicht. Für den Gruß des Nachtwächters hatte er nur ein Murren. So schwankte der Türmer auf den Stadtpfarrturm zu. Mit letzter Kraft, erreichte er die Stiege und auf allen Vieren kroch er hinauf in die Türmerstube, zog sich am Geländer des Balkons hinauf und setzte die Trompete an den Mund.
Er war ziemlich außer Atem, und er rastete sich einen Moment aus. Seine Frau sah ihm von der Türmerstube aus zu. Sie lag schon im Bett und wunderte sich, dass ihr Mann so pünktlich war. Sie sah, wie er die Trompete hob und an den Mund setzte. Er blies, und ein erbärmlicher Trompetenton schallte nach Norden. Ja, und auch nach Osten und Westen blies er seinen nächtlichen Gruß.
Als er sich das Geländer entlang weiterschleppte, ahnte seine Frau nicht, was er vorhatte. Sie dachte: So, jetzt sieht er noch einmal in die Runde, und dann kommt er ins Bett, um seinen Rausch auszuschlafen. Aber da hatte der Türmer andere Pläne. Er stand immer noch ein wenig schwankend am Geländer, hielt sich mit einer Hand fest und hob mit der anderen die Trompete zum Mund.
Euch werd ichs zeigen, dachte er sich, ich trau mich nicht, nach Süden zu blasen? So ein Blödsinn, wer glaubt das schon, dass die Toten aus den Gräbern kommen.
Seine Frau merkte jetzt, was er vorhatte, sprang aus dem Bett und rannte auf ihn zu, um ihm die Trompete aus der Hand zu schlagen. Doch der Türmer war schneller. Ein Tröten erhob sich in die Luft, schwoll an und wehte nach Süden über den Friedhof.
Der Ton war kaum verklungen, als sie es schon hörten. Ein Klackern, ein Schlurfen, ein helles Klickern auf dem Pflaster der Straßen. Im Mondlicht sah der Türmer sie. Gerippe und halb verfaulte Leichen, die durch die Gassen rannten. Schnell huschten sie über den Neuen Platz, sammelten sich unter dem Lindwurm und wisperten. Sie kannten den Weg, sie wussten, wo der Türmer sich versteckte.
Die Tür ist fest verriegelt, sagte sich der Türmer. Da kommt keiner herauf, tot oder nicht, die Gerippe können mir nichts anhaben. Doch da täuschte er sich. Denn schon standen die ersten Toten am Fuß des Turms und krallten sich ins Mauerwerk. Einer nach dem anderen zog sich Stück für Stück in die Höhe. Hektisch lief die Frau des Türmers in die Stube zurück. Mit einem Kochlöffel bewaffnet stellte sie sich ans Geländer und schlug dem ersten Gerippe auf die Finger, als es sich über den Sims ziehen wollte. Heulend stürzte das Gerippe in die Tiefe und zerschellte.
Doch da war schon die nächste Leiche, die sich an das Geländer klammerte, und der jetzt vor Schreck wieder ganz nüchterne Türmer holte seine Schrotflinte und schoss dem Untoten in den Kopf. Dem nächsten hieb er den Kolben seiner Flinte in den Bauch, und unten auf dem Platz stapelten sich die Knochen. Doch es half nichts. Immer mehr und immer mehr Gerippe kletterten über das Geländer, drängten den Türmer und seine Frau an die Wand, und dann war einer der Toten schon ganz nah. Aus leeren Augenhöhlen stierte er den Türmer an, und es schien dem Türmer als könne er ein Knurren tief aus dem leeren Brustkasten des Untoten hören. Der Untote packte den Türmer an den Armen, hob ihn hoch und wollte ihn schon über das Geländer in die Tiefe werfen.
Da schlug es ein Uhr. Das Gerippe lockerte seinen Griff. Vor den Augen des Türmers zerfiel es zu Staub. Keine Minute später war der Spuk vorbei, und nur ein Fingerknochen, der sich im Geländer verhakt hatte, zeugte vom Angriff der Toten.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Über die Grenzen

In Kärnten, Slowenien und Friaul finden wir sehr viele Sagen, die hier wie dort, diesseits wie jenseits der Karawanken gleich oder sehr ähnlich erzählt werden. Es existieren aber auch einzelne Geschichten, die ganz spezifisch für die jeweilige Region sind. Obwohl es auch andernorts Sagen über weiße Gamsböcke gibt, gehört der Zlatorog einfach zum Triglav. Nur dort entfaltet die Geschichte ihren vollen Umfang. Vor allem aber die Sagen von den Hundsköpfigen sind ganz auf Slowenien und den Norden Kroatiens beschränkt, ein Beispiel ist auch in Kärnten überliefert.
In Friaul stoßen wir auf die Benandanti, jene Hexen und Zauberer, die für die Fruchtbarkeit kämpfen. Nur im oberitalienischen Raum und in Istrien finden wir noch Spuren dieses Fruchtbarkeitskultes.
Die Gemeinsamkeiten überwiegen allerdings, und das ist wenig verwunderlich. Die Saligen und die Vilen helfen hüben wie drüben bei der Ernte und verteilen ihre wundersamen Geschenke. Die Burgfräulein und verwunschenen Schlangen sind in den slowenischen Burgruinen ebenso zu Hause wie in den kärntnerischen.
Die Ähnlichkeiten, der Gleichklang der Geschichten ebenso wie die unterschiedlichen Akzente haben mit der politischen Geschichte der Region zu tun. Über die Zeit vor der keltischen Besiedlung ist wenig zu sagen, aber wir wissen, dass zwischen dem heutigen Kärnten und dem heutigen Slowenien ein reger Handelsverkehr herrschte. Die Karawanken waren schon damals kein Hindernis. Die Veneter und die Illyrer hinterließen deutliche Spuren in Kärnten. In der Zeit der keltischen Eroberung, zur Zeit des römischen Imperiums und dann im Königreich Karantanien, wir reden hier immerhin von einem Zeitraum von etwa 1200 Jahren, herrschte weitgehend politische und wirtschaftliche Einigkeit in der Region.
Das Mittelalter kümmerte sich auch nicht um Nationen oder Volksstämme. Das ganze Mittelalter hindurch bildeten Kärnten, Krain und die Markgrafschaft Friaul unter wechselnden Bedingungen eine Einheit. Unter den Habsburgern, weitere 700 Jahre, gab es zwar wie im Mittelalter Verwaltungsgrenzen, aber diese wirkten sich kaum auf die gemeinsame Kultur aus.
Es scheint mir also aus historischer Sicht legitim, von einer Alpen-Adria-Region zu sprechen und dazu Kärnten, Slowenien, Friaul und Teile von Istrien, die zu Friaul gehörten, zu zählen.
Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen der Idee des Nationalstaates, begannen sich Kärnten, Slowenien und Friaul auseinander zu entwickeln. Ein entscheidender Schritt in diesem Prozess waren ganz sicher der sogenannte Kärntner Abwehrkampf und der Deutschnationalismus der Kärntner Führungsschicht. Schon sehr früh wandte man sich in Politik und Wissenschaft dem Deutschnationalismus zu und beäugte die Bildung einer slowenischen Nation mit Besorgnis und Angst.
Dieses Buch erscheint in einer Zeit, in der die Nationalstaaten Europas in Frage gestellt werden. Mit der Europäischen Union verlieren nationale Regierungen immer mehr an Bedeutung, und die Bevölkerung wird dazu angehalten, sich auch und immer mehr als Europäer und nicht nur als Österreicher, Slowene, Italiener zu fühlen. Diese europäische Einigkeit existiert zur Zeit vor allem in den Köpfen und eher nicht in den Herzen der Menschen. Dort aber muss das Gefühl der Einigkeit, der Gemeinsamkeit Wurzeln schlagen, sonst bleibt Europa eine Kopfgeburt.
Sagen führen aber genau dorthin, ins Herzzentrum einer Kultur. In ihnen ist die Weisheit von Generationen aufgezeichnet, sind die Erzählmuster festgelegt, die eine Kultur ausmachen, sie formen und vorantreiben. Die Welt, wie sie uns erscheint, ist eine Erzählung, und diese Erzählung fußt auf den alten Mythen.
Auf den ersten Blick könnten wir die Idee, die Sagen könnten etwas zum Frieden und zur Einigkeit in Europa beitragen, zwar für romantisch aber wenig hilfreich halten. Wir erzählen doch immer neue Geschichten. Jeden Tag werden wir mit Nachrichten überschüttet. Alles ist immer wieder neu und anders, und wir sind damit beschäftigt, uns in einer Welt zurechtzufinden, die sich schneller ändert, als eine Ziege mit dem Schwanz wedeln kann.
Doch in diesem Wirbel aus Schreckensmeldungen und Jubel, mitten in dem nicht abreißenden Strom von technischen Erfindungen und politischen Neuerungen bewegen wir uns immer noch auf den alten Traumpfaden. Wir begegnen den Saligen, den Drachen und Wassermännern, schließen einen Pakt mit dem Teufel und werden von Vampiren heimgesucht. Nur haben wir diesen Begegnungen und Ereignissen neue Namen gegeben.
Noch immer jagen wir dem Reichtum hinterher wie der Geizkragen in der friulanische Sage um den Orcul. Der Kampf des slowenischen Halbgottes Kresnik gegen den Drachen, seine Abenteuerfahrten und die Prinzessin, die er am Ende erringt, folgen einem sehr alten und sehr hartnäckigen Muster. Es erinnert an die klassischen Helden, an Herkules, an Parzival und Siegfried. Aber auch jeder Actionfilm ist nach diesem Muster gestrickt. Wenn Bruce Willis wieder einmal auszieht, um die Welt zu retten, dann folgt er bzw. die Figur, die er verkörpert, auch diesem Traumpfad.
Ich beschäftige mich mit Sagen, mit Mythologien und Religion, weil ich davon überzeugt bin, dass uns diese Geschichten unmittelbar betreffen, unser Leben in seinen innersten Strukturen bestimmen. 


Freitag, 19. Oktober 2012

Wem gehört Kärnten?

Wer die Kärntner Sagen aufmerksam und ohne ideologische Scheuklappen liest, findet hier vielleicht die Lösung aktueller Probleme

Seit Jörg Haider und seine Buam in Kärnten an der Macht sind, wird ein unbarmherziger Vernichtungsfeldzug gegen Künstler geführt. Warum die rechten Recken solche Angst vor Schriftstellern, Malern und Musikern haben, erklären die Kärntner Sagen.
Wenn von Kärntner Künstlern die Rede ist, dann kommen meist jene ins Blickfeld, die das Land verlassen haben. Viele aber sind hier geblieben. Als Kulturarbeiter in Kärnten zu leben und zu arbeiten ist oft mühsam, frustrierend und manchmal auch existenzbedrohend. Hier wird ein langwieriger und zermürbender Kampf ausgetragen zwischen der FPK, oder wie sich die rechten Buam gerade nennen, und dem größeren Kärnten.

Germanisierungswahn geht heute noch um
Ich kämpfe diesen Kampf schon seit 20 Jahren. Als Autor, als Veranstalter und als Lehrender. Mit der Aufarbeitung der Sagen aus Kärnten und mit meiner Beschäftigung mit Brauchtum und Geschichte des Landes mache ich den Nazis und den Rechten ihre angebliche Tradition streitig.
Kärntner Sagen. Die Kärntner Sagen, immer wieder von Politikern und Heimatverbänden vereinnahmt, wurden erstmals 1914 von Georg Graber herausgegeben. 1944 erschien ein Band in der Schriftenreihe des deutschen Ahnenerbes. Ein Zitat von Heinrich Himmler verunzierte das Titelblatt.
Graber war ein ausgewiesener Deutschtümler, Mitglied der NSDAP und Mitbegründer der sogenannten "Kärntner Wissenschaft". Liest man seine Texte über Volkskultur, dann stammt in Kärnten alles von den Germanen ab. Das Ringen in den Nockbergen führt Graber sogar auf isländische Einwanderer zurück. Dieser Germanisierungswahn geht durchaus heute noch um.
Ich wende mich gegen Graber und seine Nachahmer, gegen eine Auseinandersetzung mit Tradition, die durch völlige Unkenntnis und Ignoranz der aktuellen wissenschaftlichen Debatte glänzt, gegen die angeblichen Traditionsbewahrer, die die Asche anbeten, statt das Feuer weiterzugeben.

Genau gelesen sehen die Sagen anders aus
Wer die Kärntner Sagen aufmerksam und ohne ideologische Scheuklappen liest, findet in ihnen vielleicht sogar die Lösung aktueller Probleme. Die Sagen unterstützen nämlich ganz und gar nicht den übersteigerten Männlichkeitswahn, diese wild gewordene Gier, die derzeit in Kärnten an der Macht ist. Die Kärntner Sagen werden von den Saligen Frauen und der Guten Frau Percht beherrscht.
Dabei zeigt sich eine Moral, die so gar nicht zu den Rechten, zu den Nazis und Deutschtümlern passt. Die lauten Rabauken, die Gierigen und Brutalen werden bestraft. Denen dreht die Gute Frau Percht das Gesicht in den Nacken. Die leisen Menschen, jene, die auf ihre innere Stimme hören und den Anweisungen der Feen folgen, werden belohnt. So könnte man es verkürzt formulieren. Kärnten blüht. Die Kärntner Realität widerspricht dem Befund der Sagen, könnte man meinen.

Künstlerland Kärnten
Aber der erste Eindruck täuscht. Wenn man auf die Saligen Frauen hört, dann schaut man genauer hin, dann kümmert man sich nicht um Politiker, die von einem Nudelfest über das Beach Volleyball Grand Slam zum nächsten Speckevent hetzen und bei jedem Sauschwanzaufheben dabei sind. Wenn man dieses Geschrei einmal ausblendet, kommt ein anderes Kärnten zum Vorschein. Das Kärnten, für das nicht Jörg Haider und seine Konsorten als Schutzpatrone stehen, sondern Christine Lavant, Ingeborg Bachmann und Maja Haderlap.
Dieses Kärnten hat sich nie vereinnahmen lassen. Von der Künstlerstadt Gmünd über die freien Theatergruppen und die vielen Schriftsteller, Maler und Musiker bis hin zur Kulturintiative Bleiburg lassen sich die Kulturarbeiter nicht korrumpieren und prägen dieses Land stärker, als es daher- bzw. davongelaufene Politiker jemals könnten.
Seit über 20 Jahren bemüht man sich in Gmünd, bildende Kunst, Literatur und Theater in den Alltag zu verweben. Und Bleiburg, am anderen Ende Kärntens sozusagen, ist der lebende Albtraum freiheitlicher Kulturpolitik. Von der Svaveja Uta am Wiesenmarkt über die Kulturinitiative bis hin zum Center for Choreography Bleiburg gehen hier sogenannte Volkskultur und sogenannte Hochkultur Hand in Hand. Kärnten ist also durchaus ein guter Boden für Intellektuelle, für Künstler und die Entwicklung einer solidarischen und selbstkritischen Gesellschaft.
Vor diesem Kärnten haben die Buam große Angst. Deshalb auch das unablässige Geschrei und der seit Jahrzehnten geführte Kampf gegen Künstler und Kulturarbeiter in Kärnten. Gestrichene Subventionen, persönliche Angriffe und Hetzkampagnen haben zwar einige in die Knie gezwungen und aus dem Land getrieben, aber die Erfolge der rechten Buam nehmen sich mager aus neben dem dennoch blühenden Kulturleben in Kärnten. Man kann nicht alle Leute kaufen und nicht alle lassen sich einschüchtern. Deshalb werden die Buam diesen Kampf verlieren.


Sonntag, 9. September 2012

Der heilige Mann in der Niklai

Ein heiliger Mann, mit Namen Zacharias Laggner, zog vor vielen hundert Jahren von Sachsenburg aufwärts entlang des Feistritz- bzw. Niklaierbaches bis unter den Salzkofel. Sein erstes Haus baute er am oberen Rand des Keuschenwaldes, wo eine Lärche mit neun Wipfeln stand. Dann begann er damit, das Land zu roden und zu bebauen. So gründete er die Ortschaft Niklai.
Der heilige Mann hatte neun Söhne. Auch für sie baute er Häuser und noch vor zweihundert Jahren behaupteten alle Bauern in der Niklai, dass sie von dem heiligen Mann abstammen.
Die Menschen der Umgebung erkannten bald die übersinnlichen Fähigkeiten des heiligen Mannes. So hörte er die Feiertagsglocken, obwohl weit und breit keine Kirche stand. Das war ein Geschenk des Himmels, und der Mann hielt sich auch immer an das Gebot der Feiertagsruhe. Sobald er die Glocken hörte, legte er seine Arbeit nieder.
Nur einmal war er gerade mit einer Fuhre Heu auf der Tennbrücke, als er die Glocken hörte. Weil er das Heu nicht im Freien stehen lassen wollte, schob er den Wagen noch ein Stück. Zur Strafe hörte er das himmlische Läuten sieben Jahre lang nicht mehr.
Als er im Sterben lag, holte er alle seine Söhne zu sich und gab ihnen Anweisungen für sein Begräbnis. Man solle seine Leiche auf einen Wagen legen und vor diesen Wagen zwei ungelernte Ochsen spannen. Dort wo die Ochsen stehenbleiben würden, solle man ihn begraben. Den Ochsen rechts im Joch, solle man anschließend schlachten. Aus seinem rechten Horn müsse man ein Signalhorn fertigen. Bei Unwetter solle man das Signalhorn blasen, dann würde das Wetter wieder abziehen. Dieses Horn wurde bis 1875 in der Niklai aufbewahrt. Dann soll es durch einen Brand zerstört worden sein.
Die Söhne ihm seinen letzten Wunsch. Bis nach Pusarnitz zogen sie den Leichnam. Dort gab es zu dieser Zeit schon eine Kirche. Mitten auf dem Friedhof waren die Ochsen nicht mehr zum Weitergehen zu bewegen. An dieser Stelle begrub man den heiligen Mann.
Da das Grab außerhalb der Kirche lag, entschloss man sich, eine Kapelle an die Kirche anzubauen. In dieser Kapelle befindet sich heute das Grab des heiligen Mannes aus der Niklai.
Dort ist auch eine Statue des heiligen Mannes zu sehen. In einer Mauernische steht ein offener Sarg, und darin ruht die Figur des Mannes. Um die Statue haben sich verschiedene Bräuche gebildet. So pilgerten die Bauern zu der Statue, wenn im Sommer der Regen ausblieb. Ein Mädchen musste die Figur dann mit einem feuchten Tuch abreiben. Das sollte den Regen zurückbringen. Drohte aber ständiger Regen die Ernte zu verderben, dann musste das Mädchen mit einem trockenen Tuch reiben. Dieser Brauch hörte erst im 19. Jahrhundert auf.

Samstag, 25. August 2012

Krokodile und andere Ungeheuer

In Kärnten geht ein Krokodil um. Es lauert in der Drau bei Sachsenburg Kindern auf und zerbeißt ihre Schuhe. Polizei, Feuerwehr und Reptilienexpertin rücken aus. Tote Hühner werden als Köder ins Wasser gelegt, und der Landeshauptmannstellvertreter, dem das Fischwasser gehört, setzt einen Krisenstab ein.
Alle Zutaten für eine Ernesto Valenti-Geschichte sind schon vorhanden. Wenn aus der Wirklichkeit Literatur werden soll, muss man nur aufpassen, nicht zu sehr an der Realität zu kleben. – Die glaubt einem außerhalb Kärntens nämlich niemand.
Krokodile, die Sommerlöcher füllen, gibt es öfter, als man denkt. Sie teilen sich diese beschwerliche Aufgabe mit dem Ungeheuer von Loch Ness, Ufo-Sicht-
ungen und Hitzerekorden. Das Krokodil im Badeteich ist eine beliebte moderne Legende. Das heißt nicht, dass da nichts dran ist, aber manchmal ist so ein Krokodil auch nur ein vorwitziger Hecht oder eine angriffslustige Ratte.
Ein Klassiker unter den modernen Legenden ist das Krokodil in der Kanalisation von New York. Schon seit mindestens 1935 soll es eine stetig wachsende Population von Krokodilen im New Yorker Untergrund geben. Ausgelöst wurde diese Geschichte durch den Fund eines etwa 2,5 Meter langen Krokodils in einem Einstiegsschacht in East Harlem. Das Krokodil soll von einem Schiff gefallen sein, das gerade aus dem Everglades kam.
Heute wird erzählt, dass es in den Kanälen von New York von Krokodilen nur so wimmelt. Hinter jeder Ecke lauert ein Albinokrokodil. Blind und wütend verspeisen sie vorzugsweise Kanalarbeiter und Ratten. Die Ratten werden in New York auch besonders groß, hört man. So zwischen Dackel und Dobermann, je nachdem, wen man fragt.
Die Krokodile und Ratten im Untergrund von New York leben aber nicht einfach nur so vor sich hin. Sie erfüllen auch eine wichtige gesundheitspolitische Maßnahme. Es heißt nämlich, da unten in der Dunkelheit wächst das beste Marihuana weit und breit. Diese Cannabisart soll aus Samen entstanden sein, die Kiffer aus Panik das Klo hinunterspülten. Das Marihuana vermehrte sich in der Kanalisation und wuchs und wuchs und veränderte sich. In der Dunkelheit verlor es seine Farbe – wie die Krokodile auch – und deshalb nennt man es „New York White“.
Freilich handelt es sich dabei nur um ein Gerücht. Denn noch niemand hat dieses Kraut gesehen, geschweige denn davon probiert. Es gibt einfach zu viele Krokodile in der Kanalisation von New York.


Mittwoch, 22. August 2012

Ein Lindwurm geht um

Man weiß nicht so genau, woher der Lindwurm kam. Manche sagen, er hauste in einem unterirdischen See im Inneren der Koralpe. Andere wieder sind der Meinung, er käme irgendwo aus dem Süden, und neueste Spekulationen behaupten, der Lindwurm sei aus dem Norden eingewandert und hätte sich in Kärnten vermehrt.
Sieht man sich die Verwüstungen an, so kann man dieser letzten Meinung einiges abgewinnen. Ein einzelner Lindwurm könnte so etwas gar nicht anrichten.
Jedenfalls hat dieser Lindwurm oder einer aus seiner Brut gerade erst wieder zugeschlagen. Ein riesiger Felsen stürzte aus der Mittelwand der Koschuta und letztes Jahr machten sich 30 000 Kubikmeter Gestein am Loibl selbstständig.
Nun, Lindwürmer sind ungeschickt. Wenn sie mit ihren Klauen an Bergwänden streifen oder sich plump auf Bergspitzen setzen, dann rumpelt und rumort es und tonnenweise Steine donnern zu Tal. So hat ein Lindwurm vor vielen, vielen Jahren am Loibl eine Steinlawine losgetreten und Tržič unter sich begraben. Auch auf Kärntner Seite gab es eine Steinlawine, die bis Ferlach reichte. Fast gleichzeitig muss ein zweiter Drache auf dem Dobratsch gelandet sein. Das muss ein besonders großer Drache gewesen sein, denn durch seine Ungeschicklichkeit lösten sich 150 Millionen Kubikmeter Gestein vom Dobratsch. 150 Millionen Kubikmeter, das kann man sich kaum vorstellen. Aber für einen Drachen ist das gar nichts.
In letzter Zeit haben sie sich was Bergstürze anbelangt etwas zurückgehalten. Sie haben sich vermutlich ein anderes Betätigungsfeld gesucht. Jetzt sieht man sie nicht mehr mit ausgebreiteten Schwingen, wie Düsenflieger über den Kärntner Himmel fegen. Ganz selten stehen sie einem so im Licht, dass man glaubt, die Sonne sei vom Himmel gefallen. Aber wie die alten Lindwürmer der germanischen Sage, wie Fafnir, dem von Siegfried der Garaus gemacht wurde, scheinen sie sich in Menschen verwandeln zu können. Das ist schlimm, denn so können sich die Lindwürmer tarnen und müssen sich nicht mehr mit Felsstürzen und Erdbeben zufrieden geben. Jetzt können sie ganz ungeniert noch größere Verwüstungen anrichten. Und so trampeln die Lindwürmer nun durch Kärnten und zerstören nicht nur Bergspitzen und Dörfer, beinahe das ganze Land ist ihnen schon zum Opfer gefallen. Aber Rettung naht. In Klagenfurt haben schon mehrere Menschen beobachtet, wie sich Herkules auf seinem Podest reckt und streckt. Es könnte leicht sein, dass er bald heruntersteigt und sich statt des steinernen Lindwurms ein paar echte Lindwürmer vornimmt.



Dienstag, 21. August 2012

„Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.“


Hermann Hesse war ein Sturschädel. Die Häme, die auch 50 Jahre nach seinem Tod über ihm ausgegossen wird, resultiert zu einem bedeutendem Maß daraus, dass man den Ansprüchen Hermann Hesses nicht gerecht werden kann. Früher sah man zu Menschen wie ihm auf, heute versucht man, sie zu sich herunterzuziehen. Man ist zu einer so unbequemen und kompromisslosen Haltung nicht bereit. Deshalb mutmaßt man, Hesse sei zwar in seinen Schriften ein Morgenlandfahrer, ein Rebell der Innerlichkeit gewesen, aber in seinem Leben hätte auch er diese Position nicht durchgehalten.
Wer das glaubt, täuscht sich. Schon mit 13 wusste Hesse, er wollte Dichter werden, und wenn das nicht, dann wollte er gar nichts werden. Der Dreizehnjährige hatte vielleicht eine noch eher vage Vorstellung vom Dichtertum, aber er hatte eine Ahnung, wie man Dichter wird, welchen Weg man einschlagen muss und dass dieses Unterfangen nicht leicht sein wird. Einsamkeit, Selbstbeobachtung und Zweifel, unablässiges Lernen und Forschen, so fing Hesse seine Lehrzeit als Dichter an. Das Forschen bezog sich dabei eben nicht nur auf andere und blieb nicht wie bei Wissenschaftlern etwas Abgetrenntes, sondern jede Erkenntnis, jedes Erlebnis betraf Hesse selbst.
Es ist kein Wunder, dass er aus dem Internat in Maulbronn nach sieben Monaten flüchtet. Er rennt in den Wald, wird aufgegriffen und landet in der Irrenanstalt Stetten. Zuvor hatte er sich noch einen Revolver besorgt. Er wollte sich erschießen.
Das ist der Stoff, aus dem „Unterm Rad“ geschmiedet ist. Die Qualen des freien Menschen, der sich nicht beugen will, sind hier so exemplarisch verdichtet wie sonst kaum. Außerdem begründet Hesse damit ein Romangenre, das in „Der Schüler Gerber hat absolviert“ und Friedrich Torberg und „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger weitere Höhepunkte findet.
Ein Merkmal des Dichtertums ist es auch, aus dieser Hölle verletzt aber lebend hervorzugehen. Das ist auch eine Eigenschaft des Schamanen. Der Schamane kann jene Krankheiten heilen, die er selbst überwunden hat. Wie der Schamane kann auch Hermann Hesse den Weg zur Erkundung der Innenwelt weisen. Karen Armstrong, die bedeutende Religionswissenschaftlerin, hat wohl an Dichter wie Hesse gedacht, als sie in „Eine kurze Geschichte des Mythos“ meint, wenn die religiösen Führer und Institutionen versagen, dann müssen Schriftsteller und Künstler an ihre Stelle treten und der Gesellschaft spirituelle Wege aufzeigen. Hesse tat das in vielen Belangen. Nicht nur in seinen Büchern. Und Hesse lebte vor, dass Veränderung und Revolution nichts für Maulhelden ist. Er stellte sich gegen den ersten Weltkrieg und verlor die deutsche Staatsbürgerschaft, wurde als Vaterlandsverräter geschmäht, und seine Bücher landeten unter den Nazis am Scheiterhaufen. Hesse treibt aber auch vielen selbsternannten Ökofreaks die Schamröte ins Gesicht, denn er praktizierte, wovon andere nur reden, und pflanzte in seinem Garten an, was er zum Leben brauchte.
In seinem Protest war und blieb er Einzelgänger. Seine Idee der Morgenlandfahrer illustriert diese Haltung. Manchmal geht man ein Stück des Weges miteinander, aber man verbrüdert sich nicht, man gibt nicht seine Meinung auf, um in einer Partie zu sein. Der Mensch muss ein Störenfried sein, und wenn zwei derselben Meinung sind, dann irrt mindestens einer. Deshalb schloss sich Hesse auch keiner Protestbewegung an. Er wurde von ihnen gefeiert, aber er hätte sich weder der Friedensbewegung noch einer aktuellen Gruppierung angeschlossen.
Hesse als Heiliger? Aber nein. Seine erste Ehe scheitert, seine zweite genauso. Erst die dritte Ehe mit Ninon hielt, weil die beiden in einem Doppelhaus lebten und einander treffen aber auch aus dem Weg gehen konnten.
Er kann mit anderen Menschen nicht viel anfangen und sein Eigensinn und seine Zerrissenheit machen ihn zu einem schwierigen Partner. Auf Siddharta folgt der Steppenwolf und das Glasperlenspiel, und die Analyse bei Professor C.G. Jung hat Hesse nicht beruhigt. Die Innenschau macht aus ihm keinen abgeklärten Heiligen, sondern einen hellsichtigen Sucher. Hesses Literatur hat nichts Süßliches. Die Romantik legt sich nur wie ein feiner Schleier über die Klüfte menschlicher Existenz. Hesse wird noch vielen Generationen Orientierung und Hilfe sein. Er ist einer der ersten, von denen Karen Armstrong spricht. Der Schriftsteller als Schamane, als spiritueller Held und Abenteurer, und damit erklimmt die Kultur eine neue Stufe. Was einst verbunden war und dann getrennt wurde, vereint sich wieder. Kunst und Spiritualität nähern sich, und dabei sehen wir, dass Spiritualität eine tiefgreifende Revolte darstellt, ein radikales Aufbegehren: „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.“


Montag, 13. August 2012

Das Schlangenkreuz und die geizige Bäuerin

„Die Gier is a Hund“, pflegte Dr. Kurt Ostbahn zu sagen, als er noch in Amt und Würden war. Das würde er vermutlich auch angesichts der folgenden Geschichte sagen, und das obwohl darin zwar die Gier, aber kein Hund vorkommt.
In St. Georgen im Lavanttal lebte eine Bäuerin, die so gar nichts von Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft hielt. Klopfte ein Bettler an ihre Tür, jagte sie ihn mit dem Besen davon. Nicht einmal eine Brotrinde hatte sie für einen Verhungernden übrig. Selbst in der Kirche gab sie keine Almosen. Wenn der Mesner ihr den Klingelbeutel unter die Nase hielt, drehte sie den Kopf weg. Viele hielten das für Hochmut. Aber in Wahrheit drehte die Bäuerin den Kopf und verkrampfte die Hände im Schoß, weil sie in den Klingelbeutel greifen und das Geld einstecken wollte.
Das gesparte Geld verbrauchte die Bäuerin nicht einfach. Sie legte es in eine Truhe, und schon nach ein paar Jahren quoll die Truhe über. Silberstücke, Goldmünzen und Kupferpfennige glitzerten und gleißten, sobald die Bäuerin den Deckel hochhob.
Eines Tages nahm sie ihren Mann an der Hand und führte ihn zur Truhe. Voll Stolz wollte sie ihm den Schatz zeigen, wollte mit ihm beraten, wofür man das viele Geld ausgeben könnte. Einen ganzen Bauernhof konnte man dafür kaufen, mit Kühen und Pferden und fruchtbaren Äckern. So würden sie noch reicher werden. Ja, wenn sie so darüber nachdachte, gab es eigentlich keinen Grund, warum sie nicht die reichste Bäuerin Kärntens werden sollte, jetzt, wo sie diesen Schatz hatte.
Die Bäuerin rieb sich die Hände und kniete nieder. Sie fasste die Ränder der Truhe.
„Du wirst sehen“, sagte sie zu ihrem Mann. „Ich habe gespart und nun sind wir reich. Wir können uns alles leisten, was auch immer wir wollen.“
Dann hob sie den Deckel der Truhe an. Sie hörte das Zischen in ihrer Aufregung gar nicht. Erst als sie den Deckel ganz angehoben hatte, sah sie es. Das Geld hatte sich verwandelt. Kein einziger Taler, keine Münze, nicht einmal ein Kupferpfennig war übrig. Schlangen quollen aus der Truhe, wanden sich über den Boden und krochen auf die Bäuerin zu. Sie schrie. Mitten in diesem Schrei sprang eine Schlange hoch, der Bäuerin direkt ins Gesicht, und bohrte sich durch ihr Auge in den Schädel.
Die Schlange nistete sich im Schädel der Bäuerin ein. Sie steckte ihren Kopf durch die leere Augenhöhle und züngelte. Wenn sich die Bäuerin zum Essen setzte, kam die Schlange heraus und fraß vom Teller der Bäuerin. Auf der Straße wichen alle vor der Bäuerin zurück. Die Menschen hatten Angst, die Schlange könnte sie anfallen und beißen. So ging das sieben Jahre lang. Jeden Tag, jede Stunde spürte die Bäuerin die Schlange in ihrem Kopf, und die ganze Zeit hörte sie das Zischen des Untiers. Sieben Jahre dauerte diese Qual, dann endlich starb die Bäuerin.

 
In St. Georgen erinnert ein Grabkreuz, das in einer Nische an der Einfriedung der Kirche zu sehen ist. Die Schmiedearbeit zeigt einen Totenschädel, aus dessen linkem Auge eine Schlange kriecht. Das Schlangenkreuz gilt als Mahnung gegen Gier und Geiz. Es scheint so, als hätten die Wenigsten diese Mahnung verstanden. Wir orientieren uns lieber an der Sage vom Reichtum für alle, vom Wohlstand der Nationen und an der Sage, die uns zuflüstert, dass wir nur reich genug sein müssen, um auch glücklich zu sein. Diese Sage, die wir täglich auf den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen lesen, verschweigt uns aber, dass auch für uns ein Bettler hungern muss, wenn wir unseren Reichtum horten.
Wie Jean Ziegler sagt, wird jedes Kind, das an Hunger stirbt, ermordet. Ermordet durch den Geiz und die Gier des Westens. Der Bäuerin sah man ihren Frevel an. Sie musste mit einer Schlange im Gesicht leben. Uns sieht man es noch nicht an, unseren Politikern sieht man es noch nicht an, dass sie alles an sich gerafft und dieses Land ausgeplündert haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. 







Sonntag, 12. August 2012

Marquis de Sade und die Politik

„Das wäre doch ein recht närrischer Staatsmann, der sich seine Vergnügungen nicht vom Staate zahlen ließe; was kümmert uns das Elend des Volkes, wenn wir nur unsere Leidenschaften befriedigen können? Wenn ich wüsste, dass aus ihren Adern Gold flösse, ich würde einen nach dem anderen zur Ader lassen, um meine Goldgier sättigen zu können“, lässt de Sade einen Minister in „Juliette“ sagen. Der Roman wurde 1796 in Frankreich veröffentlicht. Wüsste man das nicht, könnte man glatt denken, die Aussage sei auf amtierende Politiker gemünzt. Eines jedoch unterscheidet unsere Politiker von de Sades Suchern nach einem perversen Übermenschentum: Unsere Politiker wissen nicht, dass sie Sadisten sind. Wüssten sie es, müsste man ihre Taktik als besonders üblen, hinterhältigen Schachzug bewundern. Den Menschen einzureden, es geschehe alles nur zu ihrem Besten, und ihnen dann die letzten Euro aus der Tasche zu ziehen, oder den Mindestpensionisten zehn Euro wegzunehmen, um dann sich selbst und seinen Freunden das so gewonnene Geld zuzuschanzen – ja das kann man schlecht als etwas anderes als angewandten Sadismus klassifizieren.
Sadismus erschöpft sich nicht in sexueller Abweichung. Marquis de Sade sah in sexuellen Ausschweifungen bloß den Gipfel der Selbstbefreiung. Grundlegend sind andere Dinge. In „Die Philosophie im Boudoir“ liefert de Sade die politische und weltanschauliche Quintessenz seiner den Libertins gewidmeten Lehre. Das klingt dann wie das geheime Parteiprogramm einer hier nicht namentlich genannten Partei.
Diebe soll man nicht bestrafen, meint de Sade. Warum nicht? Nun, die hätten durch ihre Taten doch Mut und Geschicklichkeit bewiesen. Der Diebstahl sei eine Tugend der Krieger und außerdem noch sozial. Wer die Reichen bestiehlt und den Armen gibt, sorgt für soziale Gerechtigkeit, trägt zum Ausgleich in einer Gesellschaft bei.
Gleichzeitig plädiert de Sade für die Abschaffung aller Moralvorschriften, die sich gegen die „Zügellosigkeit“ stellen. Denn Moral bedeute immer Gewalt. Man müsse die Menschen mit Gewalt den Regeln eines Staates unterwerfen, und deshalb bedeute Moral nichts anderes als Krieg.
Denkt man diese beiden Punkte zu Ende, gelangt man zu einer Raubtiergesellschaft. Zerstöre alles, was dir im Wege steht. Nimm dir, was auch immer du haben willst, und vernichte deine Feinde so gründlich, dass sie sich nie wieder erholen. Begegne deinen Gegnern mit Verachtung und gib sie der Lächerlichkeit preis. Denn wer lächerlich ist, ist kein Gegner mehr, sondern ein Opfer.
De Sade fordert von seinen Anhängern die rücksichtslose Befriedigung der eigenen Gier. Was wir hier vor uns haben, ist eine Raubtierpolitik. Sie hat das Modell des Neoliberalismus aus der Wirtschaft in die Politik getragen, hat die Politik mit der Wirtschaft so eng verzahnt, dass auf beiden gesellschaftlichen Feldern nur mehr der eigene Vorteil bzw. der Vorteil des eigenen Rudels gilt. Wir sehen die Auswirkungen dieses menschenverachtenden Systems jetzt nicht nur an den verhungernden Kinder in der Sahelzone, sondern direkt vor unserer Haustüre. Wir sehen die Auswirkungen, weil sich auch die geschicktesten Sadisten nicht ewig hinter Worthülsen verstecken können. Irgendwann brechen die Eiterbeulen auf, und dann sieht man das unappetitliche Schlamassel. 

Marquis de Sade, „Die Philosophie im Boudoir“ ist wahrlich kein Lesevergnügen und nur jenen zu empfehlen die sowohl starke Magennerven wie auch Interesse an der Literatur ihrer Feinde haben.

Wer sich für den aktuellen politischen Sadismus interessiert, sollte Jean Ziegler lesen. Nirgends sonst wird dieses System so anschaulich erklärt und entlarvt. 






Donnerstag, 9. August 2012

Hesse im Blumengarten

Glaubt wirklich jemand, er hätte das Glasperlenspiel verstanden, als er es mit vierzehn oder sechzehn zum ersten Mal las? Ist tatsächlich jemand der Meinung, er hätte den Steppenwolf oder Siddharta in seiner gedanklichen und spirituellen Tiefe ausgelotet, als er die Bücher als Jugendlicher verschlang?
Freilich ist an dem Klischee etwas dran. Kaum jemand liest Hesse nach Vollendung des 25. Lebensjahres. Dieses Klischee beruht auf dem Vorurteil, Hesse sei ein Schriftsteller für die revoltierende Jugend. Historisch gesehen stimmt das in gewisser Weise sogar. Zuerst machten die Leser aus der Wandervogelbewegung Hesse populär, dann waren es die Hippies und auch die Friedensbewegung der 80er Jahre schöpfte aus Hesses Werk. Doch an diesem Leseverhalten sind eher die gesellschaftlichen Verhältnisse als die Texte schuld. Würde man Hesse ernst nehmen, könnte man sein Leben nicht so weiterführen wie bisher.
Die revolutionäre Kraft, das Aufrührerische in Hesses Texten liegt ganz weitab vom jugendlichen Aufbegehren. Hesse weist den Weg der Morgenlandfahrer. Die Revolution muss in der Seele stattfinden, dann ändert sich das Handeln von selbst. Das zeigt sich exemplarisch an Josef Knecht, dem Protagonisten des Glasperlenspiels. Erst als er das System durchlaufen, es verinnerlicht hat, erkennt er, dass man sich auch der besten Ideologie nicht überlassen darf. Niemals ist es erlaubt, sein Gewissen an der Eingangstür einer Partei, einer Firma oder einer Religion abzugeben.
Das ist das eine. Die Zerrissenheit des Menschen, seine unausgesetzte Verletzlichkeit ist das andere. Hesse zeichnet seine Figuren immer als Zerrissene, mit sich selbst und der Welt uneins. Auch das ist ja nicht besonders populär. Heute muss man ja ganz genau wissen, wer man ist und was man will, sonst kann man keine Karriere machen, sonst ist man nicht vorne dabei.
Die Ablehnung, die Hesse auch zum 50. Todestag entgegenschlägt, begründet sich ganz einfach. Der Mensch und Autor ist zu sperrig, er lässt sich nicht vereinnahmen und hinter der geschliffenen Prosa verbirgt sich ein Stachel. Das Titelbild des „Spiegel“ macht es deutlich. Der Anarchismus des Gartenarbeitens ist viel gefährlicher als alles revolutionäre Getöne. Denn da, in der Stille könnte man zu sich selbst kommen.
Hesse wieder zu lesen könnte einem die Augen öffnen. Wer vor den Romanen zurückschreckt, der soll doch einmal einen Blick in „Politik des Gewissens“ werfen.

Dienstag, 7. August 2012

Auf da Mölltolleitn - Die Percht bestraft einen Frevler

Die folgende Sage soll erklären, warum es im Mölltal einen roten Felsen gibt, der eine Bergkuppe mehrere hundert Meter überragt. Ein Brocken dieses roten Gesteins liegt herunten im Graben. Wir werden gleich sehen, wie er dorthin kam.
In dem Graben unter dem Felsen stand früher eine Mühle. Und den Leuten in der Mühle ging es nicht schlecht. Sie waren zwar nicht reich, aber sie hatten mehr als manch anderer.
Eine einzige Sorge plagte die beiden Alten: das Verhalten ihres Sohnes. In der Kirche ließ er sich so gut wie nie sehen, ihm war das Gasthaus lieber. Und seine Flüche und unflätigen Reden trugen auch nicht gerade dazu bei, dass er sich in der Umgebung beliebt machte.
Solange seine Eltern lebten, hielt er sich aber offensichtlich zurück. Denn nach ihrem Tod trieb er es noch viel wilder.
Von christlichen Bräuchen und dergleichen wollte er nichts wissen. Er weigerte sich auch beharrlich, das Haus und die übrigen Gebäude in der Dreikönigsnacht zu räuchern. Das soll die Unholde und vor allem die Percht fernhalten. Statt mit der Räucherpfanne durch Haus und Hof zu gehen, entfachte er einen Spreuhaufen und verspottete seine Nachbarn.
In der Sage wird solches Verhalten umgehend bestraft.
Ein Blitz zuckte, und in diesem Moment erschien die Percht oben auf dem Felsen. Das Haar stand ihr wirr um den Kopf, und in der Hand hielt sie einen weiteren Blitz, um ihn auf den jungen Mann zu schleudern.
Der war aber nicht nur frech, sondern auch intelligent. Deshalb hechtete er unter einen Haselstrauch. Dort konnte ihm nichts geschehen. Maria hatte mit dem Jesuskind auf ihrer Flucht nach Ägypten unter einem solchen Strauch gerastet. Deshalb hat die Andere Welt hier keine Macht.
Aber so schnell gibt die Percht nicht auf, wenn sie einmal zornig ist. Sie riss einen Brocken von der Felsnadel ab und schleuderte ihn auf die Mühle. Es blieb nur Schutt davon übrig.
Noch einmal sah der junge Mann die Percht im Strahlenkranz der Blitze auf dem Felsen, dann war sie verschwunden.
Die zerstörte Mühle bot keinen Schutz mehr, und außerdem konnte der junge Mann nicht mehr klar denken. Er lief davon. Einfach weg von diesem furchtbaren Ort. Er lief und lief, hinauf auf den Berg, durch Schneetreiben und Sturm, bis er endlich zu einem Gehöft kam.
Die Leute öffneten ihm und ließen ihn ein. Er brachte kein Wort heraus, aber man sah ihm an, dass ihm etwas Schreckliches zugestoßen sein musste.
Doch der junge Mann konnte sich hier nicht lange sicher fühlen. Schon krachte es wieder, die Tür wurde aufgestoßen, und die Percht stand draußen. Herein konnte sie nicht, aber das war auch gar nicht nötig. Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen, und schon flog der junge Mann durch die Luft. Überdeutlich war das Brechen seines Genicks zu hören. Dann ließ sie ihn einfach fallen und verschwand.
Der Ofen hatte einen Riss, die Bank, auf der der junge Mann gesessen hatte, war zerbrochen, und dem jungen Mann hatte die Percht das Gesicht in den Nacken gedreht.


Sonntag, 22. Juli 2012

Herkules und das Wörtherseemandl

Herkules stand am Marktplatz von Mykene, und seine Knie zitterten. Der erymanthische Keiler auf seinen Schultern drückte ihn zu Boden. Gerade erst hatte er das Vieh in einen Schneehaufen gejagt und gefesselt.
Die Fesselung des erymanthisch-
en Keilers war die vierte Arbeit des Herkules. Im Wahnsinn hatte Herkules seine Kinder getötet, und nun musste er zwölf Arbeiten erledigen, um sich von der Schuld zu befreien.
Als Herkules den Eber ablud und sich den Dreck von den Kleidern klopfte, kam ein Junge auf ihn zugelaufen. Außer Atem berichtete der Junge, dass Iason ihn schicke.
„Großer Herkules“, sagte der Junge. „Iason plant eine Fahrt nach Kolchis, um das goldene Vlies zu holen. Dazu ruft er die besten und tapfersten Männer.“
Herkules ließ den Eber auf dem Marktplatz liegen und machte sich auf den Weg. Sollten die Mykener doch selber schauen, wie sie mit dem Biest klarkamen. Die Fahrt nach dem goldenen Vlies war wenigstens ein Abenteuer, bei dem man Ruhm erwerben konnte. Nicht so ein Blödsinn wie das Abschlachten von Drachen und das Fangen von Löwen und Ebern.
Nun, was die Drachen anbelangte, so täuschte sich Herkules. Schon in Kolchis mussten er und Iason einen Drachen mit dem Saft des Wacholders betäuben, um überhaupt an das goldene Vlies zu kommen. Dann auf der Flucht von dem wütenden König von Kolchis verirrten sie sich und landeten weit im Norden, und da war schon wieder ein Drache.
Wie wir wissen, tötete Iason den Drachen in den Sümpfen der Save und gründete Ljubljana.* Dann nahmen die Helden ihr Schiff und trugen es über Land an die Adria. Nur Herkules hatte andere Pläne. Oder besser gesagt, seine fünfte Arbeit wartete auf ihn.
Hermes, der Götterbote kam und gab Herkules folgende Anweisungen: „Geh nach Norden. Da findest du ein Land. Oder was davon übrig ist. Was da zu tun ist, wirst du selber sehen...“
Das klang gar nicht gut, und während Herkules am Triglav vorbei Richtung Karawanken wanderte, malte er sich die schrecklichsten Szenen aus. Ein Land besetzt von Dämonen und blutsaugenden Harpyien. Ein Land, wo die Menschen von Seuchen niedergedrückt wurden oder eine Horde von Wölfen das Leben unmöglich machte. Doch was er sich auch vorstellte, es wurde übertroffen von dem Gestank, der ihm entgegenschlug, als er den Loibl überquerte.
Meterhoch standen der Mist und die Jauche auf den Feldern. In den Städten konnte man sich kaum fortbewegen und selbst die Flüsse waren verdreckt und stanken bestialisch. Da waren keine Dämonen am Werk und auch keine wilden Tiere, sondern die Gier und die Habsucht der Herrscher. So lange hatten sie ihr Vieh vermehrt, bis die Kühe und Schweine in ihrem eigenen Dreck zu ersticken drohten. Ja, der König warf den Schweinen jetzt sogar schon die eigenen Untertanen zum Fraß vor, und jeden Tag, jede Stunde wuchsen der Misthaufen und der Jauchensee.
Für Herkules war klar, was er tun musste. Die Frage war nur, wie er das anstellen sollte. Im ganzen Land gab es keinen Tropfen sauberes Wasser. Nur ein großer Regen oder so etwas konnte helfen. Aber so einen Regen heraufzubeschwören stand nicht in Herkules Macht. Während er überlegte, schweifte sein Blick über das Land, und da bemerkte er einen Dunghaufen, der sich bewegte. Gedämpftes Murren und Schimpfen drang unter den Kuhfladen hervor. Herkules schob den Dreck angewidert zur Seite, und zum Vorschein kam ein Zwerg. Ein Zwerg, der ein Fass unter dem Arm trug. 

„Was hast du da in deinem Fass?“, fragte Herkules.
„Wasser“, antwortete der Zwerg und wischte sich die letzten Reste des Kuhfladens aus dem Gesicht.
„Na, besser als nichts. Wie viel ist da drinnen? Zwei Liter?“
„Hast du eine Ahnung“, meinte der Zwerg und versuchte den Hahn zu öffnen, aber der Spund war so verstopft, dass nicht ein Tropfen Wasser herauskam.
„Leer?“, fragte Herkules.
„Verstopft. Vielleicht hilfst du mir einmal?“
Herkules beugte sich zu dem Zwerg hinunter und inspizierte den Hahn an dem Fässchen. Da kann doch wirklich nicht sehr viel Wasser drinnen sein, dachte er sich und bohrte mit dem kleinen Finger den Spund weiter auf. Da schoss eine Wasserfontäne aus dem Fässchen, die Herkules von den Füßen riss. Und immer mehr und mehr Wasser plätscherte aus dem Fässchen, und der Zwerg stand daneben und grinste. Herkules nahm den Zwerg und das Fässchen und trug sie hinauf in die Tauern. Von dort strömte das Wasser durch Kärnten, säuberte ein Tal nach dem anderen und wusch alles sauber. Straßen und Häuser kamen unter dem Dreck hervor. Wälder und Seen strahlten wieder und die Menschen wuschen sich den Mist von den Leibern. Allerdings kam auch ein Lindwurm zum Vorschein. Der hatte die ganze Zeit unter dem Dreck im Sumpf um Klagenfurt geschlafen.
Noch ein Drache, dachte sich Herkules. Sei’s drum. Er packte seine Keule und erschlug die Bestie.
Heute steht Herkules auf dem Neuen Platz in Klagenfurt und das Wörtherseemandl mit dem Fass unter dem Arm keine hundert Meter entfernt in der Kramergasse. Noch stehen sie fest auf ihren Podesten. Aber wer weiß, wann es wieder Zeit ist und sie heruntersteigen, die Keule schwingen und das Fass öffnen? 



Freitag, 20. Juli 2012

Die Sagen und die Ortstafeln Teil 2



Bei der Recherche zu meinem Sagenbuch stieß ich immer wieder auf verschiedensprachige Ortsangaben. Dass aus „Khring“ mittlerweile Kringa geworden ist, stellt kein besonderes Rätsel dar. Aber was macht man, wenn man über den Isonzo schreibt? Nun, man entscheidet sich für den gebräuchlichsten Namen. Auf Furlanisch nennt man den Fluss Lusinç, ein alter deutscher Name lautet Sontig, und auf Slowenisch nennt man ihn Soča. Ja, und jetzt haben wir den Salat. Was mache ich mit der slowenischen Sage von den drei Flüssen? Die handelt nämlich von der Drava, der Sava und der Soča. Da die Sage aus slowenischen Quellen stammt, kann ich die Flüsse schlecht Drau, Save und Isonzo nennen.
Der gleiche Fluss heißt also je nach Sage entweder Isonzo oder Soča. Das halte ich für kein Problem, zumal dieser Umstand im Buch erklärt wird. Ich finde diese Vielsprachigkeit, diese Vielnamigkeit ganz richtig und auch befreiend. Während man sich in Kärnten darüber in die Haare gerät, ob man Pliberk oder Bleiburg sagt, scheint das in Friaul kein sehr dringliches Problem zu sein. Im Gegenteil, der Bürgermeister von Tarvis Renato Carlanto setzt sich für mehr viersprachige Aufschriften an Ämtern ein, und er betont, jeder Bürger habe das Recht, sich in seiner Muttersprache zu äußern.
Das klingt jedenfalls wesentlich entspannter als das Gefeilsche, das in Kärnten anhebt, wenn es um die Zweisprachigkeit geht. In Kärnten werden selbst Absurditäten noch als Erfolg gefeiert. Teile der Gemeinde St. Kanzian/Škocjan dürfen Slowenisch als Amtssprache verwenden, andere Teile der Gemeinde nicht. Es kommt also nicht darauf an, ob man slowenischer Muttersprache ist, sondern in welchem Teil der Gemeinde man lebt. Das ist kein Erfolg, das ist peinlich.



Donnerstag, 12. Juli 2012

eBooks vs. gedruckte Bücher


 















Noch nie hat ein Medium ein anderes vollständig verdrängt. Immer noch werden Buchstaben in Steinblöcke gemeißelt. Das Fernsehen hat dem Kino nicht besonders geschadet, und das eBook wird das gedruckte Buch zwar ergänzen, aber nicht ersetzen.
Man kann solche Binsenweisheiten der Medienwissenschaft selbstverständlich ignorieren und wie Konrad Paul Liessmann den Untergang der Buchkultur bejammern. Dazu besteht aber gar kein Anlass. Noch nie wurden so viele Bücher verkauft wie heute. Nicht einmal das Internet kann dem Buch etwas anhaben. Ironischerweise ist das größte Internetunternehmen ja eine Buchhandlung.
Liessmans Einwände sind allesamt nicht haltbar. Er bemäkelt, dass eBooks wissenschaftlich nicht nutzbar seien, weil man daraus nicht zitieren könne. Nun gibt es mittlerweile Seitenzahlen bei eBooks, und wenn man den Seitenumbruch auch noch kenntlich machen würde, dann wäre das Problem gelöst. Außerdem lese ich Artikel, die von wissenschaftlichen Zeitschriften als PDF zur Verfügung gestellt werden am eBook-Reader. Das ist wesentlich angenehmer als am Computerbildschirm.
Für Studierende und Forschende bietet der eBook-Reader darüber hinaus den Vorteil, dass man eine ganze Bibliothek mit sich herumtragen kann, ohne einen Bandscheibenschaden zu riskieren.
Was die schlampigen Klassikerausgaben anbelangt: Ja, da hat Liessmann recht. Gratis eBooks sind oft von beeindruckend schlechter Qualität, gekürzt oder aus zweifelhaften Vorlagen erstellt. Aber Verlage arbeiten an zuverlässigen, zitierfähigen Ausgaben. Die kosten dann halt etwas.
Selbst wenn diese Probleme gelöst sind, wird das gedruckte Buch nicht verschwinden. Vielleicht werden weniger Wälder für Eintagsliteratur abgeholzt, aber gelesen wird weiterhin – mehr gelesen denn je.
Die neue Technologie bietet der Literatur aber auch neue Chancen. Kurzgeschichten erleben einen Aufschwung, denn diese werden zwar gerne gelesen, in gedruckter Form sind sie aber quasi unverkäuflich. Als eBook sind sie überall und jederzeit verfügbar, zum Beispiel wenn man den Bus versäumt hat oder im Stau steht.
Auch für Autoren eröffnen sich neue Möglichkeiten. Als Vorbild kann der serbische Schriftsteller Milorad Pavić dienen, der den technischen Voraussetzungen seiner Zeit voraus war. Erst auf einem eBook-Reader werden seine Romane dem Leser in ihrer ganzen Komplexität zugänglich. Wie das funktioniert, kann man sich hier am Beispiel der Erzählung Damscene ansehen.